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AKTUELLES22. März
Vor 80 Jahren wird in Querschied bei Saarbrücken der Leichtathlet Armin Hary geboren. Er lief 1960 als erster Mensch die 100 Meter in 10,0 Sekunden und gewann in Rom Olympia-Gold über 100 Meter und mit der 4x100-Meter-Staffel.

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Hartwig Gauder

* 10. November 1954 in Vaihingen

Leichtathletik

Zeitpunkt der Aufnahme 2016

Mit einem Lächeln ins Ziel: Olympisches Gold für Hartwig Gauder 1980 in Moskau (Foto: picture alliance)
Hartwig Gauder auf der Zielgeraden 1980 in Moskau (Foto: picture alliance)
Leichtathletik-EM in Stuttgart: Gauder erreicht 1986 als Erster das Ziel (Foto: picture alliance)
Gauder nach 50 km am Ziel seiner Träume (Foto: picture alliance)
In Tokio gewinnt Gauder bei der WM 1991 Bronze (Foto: picture alliance)
Gauder erhält 1993 den Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis, am Rande der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Duisburg (Foto: picture alliance)
Der herztransplantierte Sportler traniert 1998 im Erfurter Steigerwaldstadion für seine Teilnahme am New York Marathon (Foto: picture alliance)
Hartwig Gauder beim New-York-Marathon 1998 (Foto: picture alliance)
Gauder 2002 im Thüringer Gesundheitsministerium mit der Organspende-Broschüre des VSO (Foto: picture alliance)
Gauder 2010 als Gast beim Sporthilfe Elite-Forum (Foto: Marc Theis)
Portrait

Der Mann mit den drei Herzen

In seiner Karriere gewann der Geher aus Erfurt über die 50-Kilometer-Distanz alles: Olympisches Gold, Weltmeisterschaft, Europameisterschaft. Seinen größten Kampf gewann er indes nach der Sportkarriere – Gauder lebt seit 1997 mit einem Spenderherz.

In den 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre zählte Hartwig Gauder zu den weltbesten Gehern über die 50-Kilometer-Distanz. Seine größten Erfolge waren die Titelgewinne bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau, bei den Weltmeisterschaften 1987 in Rom sowie bei den Europameisterschaften 1986 in Stuttgart. Hinzu kamen dreimal Bronze bei den internationalen Großereignissen Olympische Spiele 1988, Weltmeisterschaften 1991 und Europameisterschaften 1990. Die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles entgingen ihm wegen des Boykotts der DDR, doch 1992 in Barcelona ging Gauder mit 37 Jahren noch einmal bei Olympia auf Platz sechs.

Den Kampf um sportliche Meriten hatte Gauder erfolgreich bestanden. Nur zwei Jahre nach dem Karriereende musste er jedoch seinen härtesten Kampf bestehen, den um sein Leben. Im März 1995 sank nach einer bakteriellen Infektion seine Herzleistungsfähigkeit gravierend. Nur eine Transplantation konnte ihn noch retten. Nach zwei Jahren quälenden Wartens erhielt er am 30. Januar 1997 ein Spenderorgan. In der Wartezeit musste er zehn Monate lang mit einem künstlichen Herzen leben.

Mit dem Kampfgeist des Olympiasiegers packte er sein Leben mit dem dritten Herzen an. Er schloss sein Architekturstudium ab und blieb dem Sport treu, engagierte sich ehrenamtlich für die Leichtathletik, absolvierte die Marathons in New York und Berlin und bestieg Japans höchsten Berg Fuji, um auf die Idee der Organspende aufmerksam zu machen. In Japan nutzte er seine Popularität, um für Sport, gesunde Bewegung und Organspende zu sensibilisieren. Gauder ist Mitgründer der Vereine Sportler für Organspende und Kinderhilfe Organtransplantation, die betroffene Familien unterstützen.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Olympiasieger 1980
› Weltmeister 1987
› Europameister 1986
› Olympia-Bronze 1988
› WM-Bronze 1991
› EM-Bronze 1990


Auszeichnungen:
› Goldenes Band der Berliner Sportjournalisten 1999
› BMI-Preis für Toleranz und Fair Play im Sport 1998
› Georg von Opel-Preis „Die stillen Sieger“ in der Kategorie „Besondere Kämpfer“
  1997
› Ehrennadel des DLV 1994
› Rudolf-Harbig-Preis des DLV 1993
› Vaterländischer Verdienstorden in Gold 1989
› Vaterländischer Verdienstorden in Silber 1980 und 1984
› Vaterländischer Verdienstorden in Bronze 1988
› 1986 Stern der Völkerfreundschaft in Silber


Biografie

Der Mann mit den drei Herzen

Diese Lebensgeschichte von einem, der alles gewonnen hat, diese doppelte Metamorphose vom gefeierten Olympiasieger zum todkranken Patienten zum unermüdlichen Herztransplantierten ist voll von Ausdauer, von nie endender Zuversicht und von erfüllter Hoffnung. Und dennoch spielen darin zwei Niederlagen entscheidende Rollen.

Karl-Marx-Stadt, im Frühjahr 1976: Hartwig Gauder hat sich bei der DDR-Olympiaausscheidung über 20 Kilometer Gehen vom Feld absetzen können, visiert seine ersten Olympischen Spiele an. Der 21 Jahre alte Junioren-Europameister aus Erfurt ist in dieser leichtathletischen Disziplin noch ein Jungspund. Er bereitet sich schon darauf vor, was er im Ziel den Reportern diktieren wird, denkt sich fiktive Interviews aus. So bleibt er auch später in den stundenlangen Wettbewerben „geistig wach“. Da reißt ihn ein Kampfrichter aus dem Traum: Disqualifikation wegen fehlerhafter Gehtechnik. Gauder will den Mann in den nahen Teich werfen. „Glücklicherweise haben Zuschauer ihn vor mir gerettet“, sagt er vierzig Jahre später. In Montreal gehen andere DDR-Athleten. Gauder grübelt derweil zu Hause und legt mit einer simplen Erkenntnis die Basis für seine großen Erfolge: „Der Kampfrichter ist nicht dein Gegner, er ist dein Partner.“

Zusammen mit Trainer Siegfried Herrmann feilt Gauder nun noch intensiver an der Technik, um des Gehers größtes Unbill zu vermeiden. „In meiner Karriere bin ich nur dreimal disqualifiziert worden.“ Gauder galt als einer der technisch Besten. So macht die erste Niederlage den großen Erfolg erst möglich. Vier Jahre später gewinnt er in Moskau olympisches Gold.

Berlin, im Frühjahr 1996: Hartwig Gauder liegt im Herzzentrum, schon seit Dezember. Die Herzleistung ist auf 16 Prozent gesunken, der Herzmuskel krankhaft erweitert. Er ist so schwach wie nie zuvor. Der Olympiasieger im Gehen kann nur noch zwanzig Meter alleine zurücklegen. Nicht die dunkle Seite des Leistungssports ist verantwortlich, wie einer der Ärzte mutmaßt, sondern, wie sich später herausstellt, in einer Hühnerzucht eingeatmete Bakterien. Der versteckte Vorwurf geht Gauder nahe. Als Sportler der ehemaligen DDR trage man einen Stempel, „den man ganz schwer loswird, selbst wenn man wie ich nie eines dieser Präparate genommen hat. In meiner extremen Situation hätte ich meinem Körper doch einen Bärendienst erwiesen, hätte ich Dopingmittel verschwiegen.“

Der Todkranke muss sich entscheiden: leben oder sterben. Gauder hängt an seinem Herz, will nicht transplantiert werden; seine Frau Marion, Zahnärztin, ist dafür. „Gut, dann musst du eben sterben“, sagt sie zu ihm und fährt zurück nach Erfurt in ihre Praxis. Er wartet fast so lange, wie 50 Kilometer Gehen dauern, dann ruft er seine Frau an, sagt, „du hast recht“ und hat die einzige Chance weiterzuleben erkannt. Eine zweite „Niederlage“, aus der Hartwig Gauder noch große Kraft schöpfen wird.

Nie steht sofort ein passendes Spenderorgan bereit. Tausende andere harren zusammen mit ihm aus, jeder Dritte stirbt dabei. Bei Gauder ist schnell klar, dass er die Wartezeit nur mit einem Kunstherz wird überbrücken können. Es wird an Ostern in den Bauchraum gepflanzt. Bei der Inbetriebnahme gibt es Komplikationen, Gauder wird ins künstliche Koma versetzt. Der Kampf um Leben und Tod, er wird noch intensiver. Zehn Monate überlebt Gauder dank der implantierten Pumpe. Damals Weltrekord. Der Freund und Radolympiasieger Mario Kummer besucht ihn in der Klinik, ein Bild entsteht, beide lachen. Bei Kummer wirkt es gequält, Gauder strahlt. Er gibt sich nur noch zwei Wochen zu leben, als am 30. Januar 1997 um 10.30 Uhr das Telefon im Herzzentrum klingelt. Eurotransplant, der länderübergreifende Verbund zur Verteilung von Organspenden, hat „ein Angebot“. Vier Stunden später liegt er im OP. 20 Monate nach der ersten Diagnose wird das kranke Herz ausgetauscht. Alles geht gut. Sein zweites Leben beginnt. Nach vier Tagen setzt er sich aufs Fahrradergometer.

Mehr als dreimal ist er im Training um die Welt gegangen, hat Gauder ausgerechnet. Es sei ihm nie zu viel geworden, auch nicht, wenn er monatelang auf den Hochplateaus in Mexiko und Äthiopien unterwegs war. „Lerne leiden, ohne zu klagen“, war sein erstes sportliches Motto. Geher erdulden wegen der ständigen Muskelanspannung mehr als Marathonläufer, sagt Gauder. „Du musst mit Schmerzen umgehen können.“ Sein zweiter Lehrsatz entstand anderthalb Jahre vor dem Olympiasieg: „Du musst so hart trainieren, dass du an deinem schwächsten Tag immer noch besser bist als die anderen.“ Gauder überließ nichts dem Zufall, plante bis ins kleinste Detail, ob bei der Trainingsbelastung, beim Schlaf, beim Essen, sogar bei der Massage: „Ich habe in Gedanken die Muskelstränge nachverfolgt.“

Zu erkennen wo seine Talente verborgen liegen, ist eine seiner Stärken. „In dem Moment, als der Sportlehrer sagte, ihr lauft jetzt nicht sechzig Meter, sondern dreimal um die Schule, habe ich die anderen locker abgehängt.“ Die Ausdauer ist ihm in die Wiege gelegt. Den Thüringer Wald hinterm Elternhaus in Ilmenau, versucht er sich im Skilanglauf und im Radfahren. Ein Freund nimmt ihn mit zum Gehen, die Trainer erkennen das Talent. Die Eltern wollen zunächst nicht, dass er auf die Kinder- und Jugend-Sportschule geht, doch der Sohn setzt sich durch. Erst 1990 erfährt Gauder, einst als „Sicherheitsrisiko“ eingestuft gewesen zu sein, der Westverwandtschaft wegen. Die Eltern kamen 1960 aus Vaihingen/Enz in Württemberg nach Thüringen, hatten das Häuschen geerbt.

Deutschlands erfolgreichster Geher fühlt sich etlichen Orten eng verbunden. Natürlich Moskau, wo er seinen ersten und größten sportlichen Erfolg feierte. Am 30. Juli 1980 ist es brütend heiß in der Stadt, und über 50 Kilometer geht die gesamte Weltspitze an den Start; die Athleten aus den fern gebliebenen westlichen Ländern gehören nicht dazu. Die Italiener sind da, die Mexikaner, die Spanier, die Bulgaren, die Polen und natürlich die Geher aus der Sowjetunion. Gauder ist erst kurz vorher auf die Langdistanz gewechselt, Moskau ist sein vierter Wettkampf. Er ahnt, sein Körper ist dafür gemacht: 68 Kilo bei 1,86 Meter. „Für mich war klar, dass ich Olympiasieger werde.“ Nach 3:49:24 Stunden überquert er als Erster die Ziellinie. Olympischer Rekord. Der Geher Gauder wird von einem Reporter gefragt: „Wie ist es denn gelaufen?“ Er hat sich unterwegs schon darauf eingestellt, grinst und antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Wenn ich gelaufen wäre, stünde ich nicht hier!“

Auch New York ist „seine“ Stadt. Im Mai 1987 belegte er beim Weltcup Rang zwei hinter DDR-Kollege Ronald Weigel, dem anderen deutschen Ausnahmegeher. „Bei der Siegerehrung sagte ich zu ihm, ‚in diesem Jahr gewinnst du die kleinen und ich die großen Sachen‘“. Gauder behält Recht und holt am 5. September in Rom den WM-Titel vor Weigel. Bei jenem Weltcup in New York wird er von dem Freiwilligen Ron Barber betreut. Einem Herztransplantierten, was er damals nicht wusste. Zwischen dem US-Volunteer und dem deutschen Topathleten entsteht eine enge Freundschaft. Sie treffen sich mehrere Male beim New York Marathon und initiierten später ein Walking-Projekt für übergewichtige Amerikaner. Als Gauder 1996 mit dem Kunstherz im Bauch in der Klinik liegt, bekommt er einen Brief aus den USA: Der Freund sei vor einer Re-Transplantation des Herzens gestorben. Erst da erfährt er, dass Ron Barber das gleiche Schicksal teilte. – Hartwig Gauder legt ein Gelübde ab: Wenn ich alles überstanden habe, laufe ich in Erinnerung an Ron den New York Marathon. Am 1. November 1998 löst er sein Versprechen ein. Sein neues Herz trägt ihn nach 640 Tagen im Körper und 6:15 Stunden auf der Strecke ins Ziel.

Hartwig Gauder ist einer der wenigen Sportler, die in ihrer Karriere alle drei großen Titel gewinnen konnten: bei Olympia, bei Weltmeisterschaften und bei den kontinentalen Titelkämpfen. Europameister ist er 1986 in Stuttgart geworden, in der Nähe seines Geburtsorts. 1988 holte er in Seoul Olympiabronze und verabschiedete sich zum ersten Mal vom Leistungssport.

Er wollte sein 1974 begonnenes Architekturstudium fortsetzen, doch stattdessen musterte ihn die Nationale Volksarmee. „Man ließ mich fallen wie eine heiße Kartoffel.“ Schließlich konnte er doch studieren, aber das Auspowern fehlte ihm. Der Gedanke vom Rücktritt vom Rücktritt nahm Gestalt an. Er konnte es noch, wurde 1990 in Split Dritter der EM und 1991 in Tokio Dritter der WM. „Ein Riesenerfolg, ich hatte meine Karriere ja schon mal beendet, und es gab vorher keinen, der ausgestiegen und wieder so erfolgreich zurückgekommen war.“ Beim Abflug aus Tokio schaut Gauder aus dem Flugzeugfenster und sieht den symmetrischen Kegel des schneebedeckten Fuji. „Da will ich mal hochklettern“, sagt er zu sich, ohne zu wissen, dass er zwölf Jahre darauf warten muss.

Die Besteigung des 3.776 Meter hohen Vulkans plant Hartwig Gauder bis ins kleinste Detail, seine Frau und Sohn Marcus sind dabei. Er macht aus dieser Expedition eine Werbetour für den Organspendeausweis. Am 19. Juli 2003 ist er der erste Herztransplantierte auf dem Gipfel des heiligen Bergs der Japaner und demonstriert zehn Jahre nach der WM von Stuttgart, als er nach 35 Kilometern das Rennen und die Karriere beendet hatte, wie das Leben als Organtransplantierter sein kann. In Japan ist Gauder heute bekannter als in Deutschland. Mit Freund Vadim Kazuhito Koga hat er die „Hartwig Gauder Power Walking Association“ gegründet, berät Kommunen im Gesundheitsmanagement, veröffentlicht Bücher, verfasst Kolumnen für Tageszeitungen und war Botschafter von Tokios Olympiabewerbung. Für viele Japaner ist der „Mann mit dem dritten Herzen“ ein besonderer Motivator. Bei ihnen kommt sein drittes Lebensmotto an: „Fürchte dich nicht, langsam zu gehen, fürchte dich nur, stehen zu bleiben.“

Patienten auf der Warteliste für ein Organ schenkt Hartwig Gauder Hoffnung. Seine Geschichte macht bis heute in den Kliniken die Runde. Noch vor seiner Transplantation meldet er sich beim 1994 lebertransplantierten Tischtennis-Ehrenpräsidenten Hans Wilhelm Gäb, der gerade die „Sportler für Organspende“ zusammentrommelt: „Wenn ich transplantiert bin, helfe ich mit.“ Er hält Wort, ist seit 1998 im Vorstand des Vereins, hat 2004 die Kinderhilfe Organtransplantation mitgegründet und hilft aktiv anderen Betroffenen. Er ist Schirmherr der Deutschen Sepsis-Gesellschaft und sprüht vor Ideen, wenn es um das Thema Gesundheit geht. Als müsste er sich jeden Tag das Leben neu beweisen. Hartwig Gauder ist „heute glücklicher als vor meiner Transplantation“. Vermutlich auch wegen der im Sport erarbeiteten Belastbarkeit hat er die Zeit in der Klinik überstanden. Sie hat ihn verändert und vor allem eines gelehrt: Demut. Die größte Leistung, das sagt er immer wieder, habe in all den Jahren nicht er vollbracht, sondern seine Frau.

Oliver Kauer-Berk, Juli 2016


Literatur zu Hartwig Gauder:


Hartwig Gauder, Angelika Griebner: Zwei Leben, drei Herzen. Vom Olymp zum Heiligen Berg. München 2007.