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Am 5. November vor 50 Jahren wirft Liesel Westermann ihren ersten Weltrekord. In Sao Paulo sind damals sagenhafte 61,62 Meter auch der erste Diskuswurf einer Frau über 60 Meter. Eine Leistung, die mit der Wahl zur Sportlerin des Jahres 1967 belohnt wird.

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Dr. Michael Groß

* 17. Juni 1964 in Frankfurt am Main

Schwimmen

Zeitpunkt der Aufnahme 2015

Michael Groß bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles (Foto: picture alliance)
Groß holt bei Olympia 1984 Gold über 200 Meter Freistil und 100 Meter Schmetterling (Foto: picture alliance)
Michael Groß: Der „Deutsche Albatros“ (Foto: picture alliance)
1988 in Seoul gewinnt Groß seine dritte olympische Goldmedaille über 200 m Schmetterling (Foto: picture alliance)
Michael Groß 2011 auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: picture alliance)
Michael Groß mit Ehefrau Ilona auf dem Roten Teppich beim Ball des Sports 2015 (Foto: picture alliance)
Portrait

Der Albatros

Als dreifacher Olympiasieger, fünffacher Weltmeister, 13-facher Europameister und mit insgesamt 38 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften ist Michael Groß einer der erfolgreichsten deutschen Schwimmer. Groß stellte in seiner von 1980 bis 1991 dauernden internationalen Karriere zwölf Weltrekorde auf und hielt zeitweise vier Bestmarken, was bis dahin nur dem US-Amerikaner Mark Spitz gelungen war.

Aufgrund seines Schwimmstils im Schmetterling und wegen seiner großen Arm-Spannweite von 2,13 Metern bei 2,01 Meter Körpergröße gab ihm 1983 ein Journalist der französischen Sportzeitung L‘Equipe den Spitznamen „Albatros“. Ebenso legendär ist, wie der TV-Reporter Jörg Wontorra Groß bei den Olympischen Spielen 1984 mit den Worten „flieg, Albatros, flieg“ anfeuerte. In Los Angeles siegte der für den Ersten Offenbacher Schwimmclub antretende Athlet jeweils in Weltrekordzeit über 200 Meter Freistil und 100 Meter Schmetterling, gewann zudem zwei Silbermedaillen und wurde ein internationaler Sportstar. Vier Jahre später in Seoul gewann Groß Gold über 200 Meter Schmetterling sowie Bronze mit der 4x200 Meter Freistilstaffel.

Zu seinen olympischen Erfolgen gesellen sich fünf Gold-, fünf Silber- und drei Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften sowie 13 Titel bei Europameisterschaften. Im Jahr 1980 verhinderte der Olympiaboykott des Westens einen Start des damals 16-Jährigen in Moskau. Die Siegeszeit des Schweden Pär Arvisson über 100 Meter Schmetterling unterbot Groß fast zum gleichen Termin im kanadischen Toronto. Michael Groß war viermal Sportler des Jahres. Parallel zur Sportkarriere studierte er Germanistik, Politik- und Medienwissenschaften und promovierte 1994.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Dreifacher Olympiasieger (1984 über 200 Meter Freistil und 100 Meter Schmetterling sowie 1988 über 200 Meter Schmetterling)
› 6 Olympiamedaillen insgesamt
› Fünffacher Weltmeister 1982, 1986 und 1991
› Fünfmal WM-Silber und dreimal WM-Bronze 1982, 1986 und 1991
› 13-facher Europameister zwischen 1981 und 1987
› Zwölf Weltrekorde und 24 Europarekorde


Auszeichnungen:
› Aufnahme in die Hall of Fame des internationalen Schwimmsports (1995)
› Viermal Sportler des Jahres (1982, 1983, 1984, 1988)
› Weltschwimmer des Jahres (1985)
› Europas Sportler des Jahres (1983)
› Silbernes Lorbeerblatt
› Europäischer Schwimmer des Jahres (1982, 1983, 1984, 1985, 1986)
› 10-mal Deutscher Schwimmer des Jahres (1980-1988, 1990)
› Juniorsportler des Jahres (1981)

Biografie

Der Albatros

„Auch in unserem täglichen Leben ergeben sich viele Chancen, außergewöhnliche Leistungen zu erbringen und Erfolge zu erleben. Der Wert eines Erfolges hängt auch nicht von der Größe des Pokals oder dem Gewicht der Medaille ab.“ Ein bemerkenswerter Satz eines bemerkenswerten deutschen Athleten: Michael Groß

„Flieg, Albatros, flieg“! Die Worte, mit denen der damalige ARD-Reporter Jörg Wontorra in einem Rennen bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles den Offenbacher Schwimmer verbal nach vorne peitschen wollte, klingen vielen älteren Sportfreunden heute noch im Ohr.

Der Albatros, so hatte ein Journalist der französischen Sporttageszeitung L´Équipe 1983 den Ausnahmeschwimmer Michael Groß aufgrund seiner riesigen Armspannweite von 2,13 Meter bei 2,01 Meter Körperlänge genannt und damit eine Prädikatsbezeichnung kreiert, „flog“ in Los Angeles – und nicht nur da – von Erfolg zu Erfolg. Groß ist mit seinen insgesamt 21 Titelgewinnen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften - neben dem viermaligen Olympiasieger Roland Mathes - der erfolgreichste deutsche Schwimmer. Insgesamt gewann er 39 Medaillen bei internationalen Meisterschaften und stellte zwölf Weltrekorde auf. 31 Jahre nach seinen grandiosen Auftritten im Schwimmbecken von Los Angeles, bei denen Michael Groß Gold über 200 Meter Freistil und über 100 Meter Schmetterling (jeweils in Weltrekordzeit) sowie Silber über 200 Meter Schmetterling und mit der bundesdeutschen 4 x 200 Meter Freistilstaffel gewann, wurde der „Albatros“ in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Sein Start in das Schwimmerlager wurde einmal mit den Worten beschrieben: „Vom Zufall zum Hobby mit Weltruhm.“ Der Hausarzt empfahl seiner Mutter, den Sohn zum Schwimmen zu schicken, um die Probleme mit seinem schnellen Wachstum in den Griff zu bekommen. Schnell fühlte der sich wohl in dem nassen Element und er nahm an ersten Wettkämpfen teil. Michael Groß startete in seiner gesamten Karriere danach nur für einen Verein, für den Ersten Offenbacher Schwimmclub (EOSC). Zudem hatte er das Glück, mit Hartmut Oleker einen Trainer zu finden, der es geschickt verstand, den Schlacks aus Frankfurt zu formen und zu fördern.

Dabei lief am Anfang der großen Karriere des Schwimmers Michael Groß gar nicht alles nach Plan. Bereits als 16-Jähriger hätte er 1980 bei den Olympischen Spielen in Moskau teilnehmen können. Das  Nationale Olympische Komitee der Bundesrepublik boykottierte jedoch die Moskauer Spiele, wegen des Einmarschs der russischen Truppen in Afghanistan. Als der Schwede Pär Arvisson mit 54,92 Sekunden Olympiasieger wurde, schwamm Groß die 100 Meter Schmetterling fast zur gleichen Zeit in 54,69 – aber leider nicht in Moskau, sondern im kanadischen Toronto.

Den ersten Titel bei einer Europameisterschaft holte Michael Groß 1981 in Split/Kroatien über 200 Meter Schmetterling. Auf der 100-Meter-Distanz musste der Hesse Lehrgeld bezahlen. Disqualifikation, weil er nur mit einer Hand anschlug. Ein Anfängerfehler mit 17. Den endgültigen Durchbruch schaffte Michael Groß 1982 in Guayaquil in Ecuador. Er wurde zweimal Weltmeister: über 200 Meter Freistil und 200 Meter Schmetterling. Dabei besiegte er jeweils die Weltrekordhalter aus den USA und wurde in diesem Jahr erstmals von den deutschen Sportjournalisten zum „Sportler des Jahres“ gewählt, eine Ehrung, die ihm 1983, 1984 und 1988 noch einmal zuteil wurde. Dann das Jahr, in dem der respektvoll gemeinte Spitzname „Albatros“ geboren wurde. Michael Groß schwamm bei den Deutschen Meisterschaften 1983 in Hannover erstmals Weltrekord über 200 Meter Freistil, in demselben Jahr gewann er viermal Gold bei den Europameisterschaften in Rom und wurde erstmals „Weltschwimmer des Jahres“.

1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles errang der „Albatros“ jeweils in Weltrekordzeit die Goldmedaillen über 200 Meter Freistil und 100 Meter Schmetterling und erlebte dann das „Rennen der Rennen“ über 4 x 200 Meter Freistil. Dabei unterboten zwei Staffeln, der glückliche Sieger USA und der Zweite, die Bundesrepublik Deutschland, den Weltrekord, von dem man vor diesem Rennen glaubte, dass er unerreichbar sei, um fast unglaubliche fünf Sekunden! Acht Goldmedaillen wären der gerechte Lohn gewesen, aber für das deutsche Quartett mit Michael Groß wurde es „nur“ Silber. Groß ging als Letzter der Deutschen ins Wasser, hatte einen Rückstand von drei Metern auf Bruce Hayes. Das war für den damals weltbesten Schwimmer der Welt, das war für den „Albatros“ zu schaffen. Groß erreichte den Amerikaner schon nach 50 Metern, führte 140 Meter hauchdünn, wurde dann aber von Bruce Hayes um Zentimeter geschlagen. 7:15,69 Minuten – Weltrekord stand am Ende auf der Anzeigetafel. Michael Groß, Dirk Korthals, Alexander Schowtka und Thomas Fahrner hatten Unglaubliches geleistet – und dennoch verloren. Michael Groß wurde aber zu einem der größten Sieger dieser Spiele und zeigte sich auch im Umgang mit den Medien äußerst selbstbewusst. So schnell wie seine Zeiten waren, so kurz waren manche Interview-Termine. „Fünf Minuten – drei Fragen“, rief der Star dem Pulk von Journalisten zu, die vor einem Gitterzaun lange ausgeharrt hatten, um eine Stimme zu ergattern. Der Mann ging seinen Weg, war nicht immer bequem.

Der Höhepunkt der sportlichen Karriere folgte ein Jahr nach dem olympischen Spektakel von Los Angeles. Michael Groß erzielte weitere Weltrekorde über 400 Meter Freistil und 200 Meter Schmetterling. Als erster Mensch seit Mark Spitz hielt er damals gleichzeitig vier Weltrekorde. Wie nebenbei wurde er noch sechsfacher Europameister in Sofia in Bulgarien. 1986 verteidigte Michael Groß bei den Weltmeisterschaften in Madrid seine beiden Titel aus dem Jahr 1982. Er schwamm seinen letzten Weltrekord über 200 Meter Schmetterling, der noch heute die deutsche Rekordmarke ist. Die erste schwere Verletzung in der Laufbahn an der Schulter führte fast zur Absage bei den Europameisterschaften. Es reichte aber doch noch zur Teilnahme. Zum vierten Mal hintereinander gewann Groß über 200 Meter Schmetterling. Mit dem Offenbacher errang die Bundesrepublik Deutschland den Titel über 4 x 200 Meter Freistil – vor der DDR.

Bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 gelang Michael Groß der dritte Olympiasieg, diesmal über 200 Meter Schmetterling. Der Weltklasseschwimmer hatte aber schon längst „das Leben danach“ im Visier. Groß studierte Germanistik, politische Wissenschaften und Medienwissenschaften und promovierte in Philologie 1994 in Frankfurt über „Ästhetik und Öffentlichkeit: Die Publizistik der Weimarer Klassik“. Dazwischen gab es 1991 nach einer Pause zum Abschluss des Studiums noch einmal einen Abstecher auf die Weltbühne des Schwimmsports. Bei den Weltmeisterschaften im australischen Perth schwamm Michael Groß zum Titel Nummer fünf – endlich im Team über 4 x 200 Meter Freistil und sogar mit der gerade wiedervereinigten deutschen Mannschaft. Ein sportlicher Meilenstein und zugleich das Ende der sportlichen Karriere.

Familie, Beruf und die Promotion bestimmten fortan den Alltag. Der seit 1995 verheiratete Vater zweier Kinder ist als selbständiger Unternehmensberater tätig. Etliche Regeln und Erfahrungen aus dem Sport hat Groß in das Berufsleben mitgenommen. Im September 2011 publizierte er das Sachbuch „Siegen kann jeder“. Im August 2013 folgte das Fachbuch „Selbstcoaching“, im März 2014 das Handbuch „Change-Manager“.

Freimütig spricht Groß, auch in seinen Büchern, über sportliches Scheitern, etwa gleich in seinem ersten internationalen Rennen, mit einem falschen Anschlag. Oder das Staffelrennen bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984. Er empfand (und empfindet) Platz zwei mit dem Team als „größte Niederlage“ seines Schwimmerlebens. „Hundert olympische Minuten mit der größten Höhe und der tiefsten Tiefe“, sagt er zu diesem Tag.

Als Coach von Führungskräften und Unternehmensberater fällt es Groß inzwischen leicht, zwischen der „sehr eindimensionalen Welt des Sports“ und dem Alltag, der „vielfältigere Herausforderungen stellt“, zu unterscheiden. Seine olympischen Finalläufe – „extrem verschärfte Prüfungssituationen, die mit der Lebenswirklichkeit wenig vergleichbar sind“ – addierten sich auf gerade zehn Minuten seiner Lebenszeit. Heutzutage könne er anders als im Sport nicht mehr der Beste der Welt sein. Zugleich gehörten Misserfolge zu jedem Erfolgsweg dazu: „Die meisten Ausschreibungen, an denen ich mich als Unternehmer beteilige, verliere ich.“

Man müsse sich ständig selbst den Spiegel vorhalten, sich die richtigen Fragen stellen. Er hat viele Firmen gegründet - und wieder verlassen oder neu aufgestellt. Seit mehr als einem Jahrzehnt besitzt Groß einen Lehrauftrag an der „Frankfurt School“ für Organisationsentwicklung und Personalführung. Zu dieser Vielfalt kam es, weil er mit 19 seinen großen Lebenstraum begraben musste, Verkehrspilot zu werden. Mit 2,01 Metern war er schlicht zu groß fürs Cockpit. Er brenne noch immer für die Fliegerei, sagt er heute, mit 49. Aber er habe einst eben seine Berufswahl neu starten müssen. „Ich habe die meisten Ziele in meinem Leben nicht erreicht“, meint Groß und schiebt gleich hinterher: „Wer alle seine Ziele erreicht, stellt sich zu leichte Aufgaben.“ Das Berufsleben stellt jeden immer wieder vor schwierige Entscheidungen, gewollte oder ungewollte Veränderungen, man muss den eigenen Kurs überprüfen. „Wenn man als Kapitän nicht weiß, welches Ufer man ansteuern will, dann ist kein Wind der richtige“, zitiert er nach Seneca.

Groß warnt junge Athleten davor, sich ausschließlich das Ziel zu stecken, Weltmeister oder Olympiasieger werden zu wollen. Wer mehrere Optionen ins Auge fasse, habe auch mehr Chancen. Für ihn bedeutete das, nie nur auf Sport zu setzen (weshalb er Ion Tiriac 1984 als Manager ablehnte), sondern Schule und später das geisteswissenschaftliche Studium an der Goethe-Universität ernst zu nehmen. Eine gesuchte und gelungene Duale Kariere eben, mit Promotion. So habe er regelmäßig in eine „andere Welt abtauchen“ können, in der Stress und Erwartungsdruck des Spitzensports keine Bedeutung haben. Das Leben auf mehrere Säulen aufzubauen sei für jeden Menschen eine gute Prophylaxe gegen Fehlentwicklungen, sagt Groß. „Ein normales soziales Umfeld mit Familie und Freunden schützt“, stellt er fest, „und federt sogar existenziellen Druck ab.“

Der Sport hat Michael Groß, der 1995 in die Ruhmeshalle des internationalen Schwimmsports aufgenommen wurde, auch nach dem Ende der Schwimmkarriere begleitet. Von 2001 bis 2005 war er Mitglied im Vorstand der Stiftung Deutsche Sporthilfe und im Präsidium des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland. Zudem leitete er von 2003 bis 2005 den Wirtschaftsrat der Deutschen Sporthilfe. Seit 2010 unterstützt Groß als Botschafter die Initiative „Respekt! Kein Platz für Rassismus“.

Michael Groß hat jetzt seinen Platz in der „Hall of Fame des deutschen Sports“ gefunden. Dies ist eine Anerkennung für großartige sportliche Erfolge, für die Lebensleistung eines Menschen, dessen Elixier der Schwimmsport war. Auf der großen Bühne der internationalen Ereignisse, aber auch in unzähligen Trainingsstunden, die die Basis der großen Erfolge waren. Michael Groß hatte Ziele. Um diese Ziele zu erreichen, rackerte er und schuftete er über viele Jahre beim täglichen Training. Heute gibt er im Beruf seine Erfahrungen weiter, hilft anderen Menschen, ihre Ziele zu erreichen und hat unter dem Titel „Was wirklich wichtig ist“ einmal formuliert: „Es ist nicht möglich, sich als Ziel zu setzen, keine Ziele zu haben. Etwas erreichen wollen, liegt in der Natur des Menschen. Und so ist es unser mitunter unausgesprochenes Ziel, für sich im Leben Siege anzustreben.“

Walter Mirwald, September 2015


Literatur zu Michael Groß:

Michael Groß: Siegen kann jeder. Jeden Tag die richtigen Fragen stellen. Salzburg 2011

Martin Krauß: Schwimmen. Geschichte, Kultur, Praxis. Göttingen 2002