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Boris Becker

* 22. November 1967 in Leimen

Tennis

Zeitpunkt der Aufnahme 2015

Nach seinem ersten Grand-Slam-Titel in Wimbledon 1985 kennt der Jubel bei Boris Becker keine Grenzen (Foto: picture alliance)
Der berühmte „Becker-Hecht“ (Foto: picture alliance)
1985 gewinnt Becker mit nur 17 Jahren und 227 Tagen Wimbledon (Foto: picture alliance)
1986 wiederholt Becker seinen Triumph und gewinnt erneut auf dem „heiligen Rasen“ (Foto: picture alliance)
Boris Becker mit der deutschen Fahne auf der Ehrenrunde beim Davis Cup 1987 in Hartfort (Foto: picture alliance)
Die Becker-Faust: 1989 gewinnt er zum dritten Mal Wimbledon (Foto: picture alliance)
Steffi Graf und Boris Becker: Die beiden Wimbledon-Gewinner von 1989 präsentieren stolz ihre Trophäen (Foto: picture alliance)
Im selben Jahr gewinnt Becker die US Open (Foto: picture alliance)
Grenzenloser Jubel: Boris Becker und Michael Stich nach ihrem Triumph im Doppel-Finale bei den Olympischen Spielen 1992 (Foto: picture alliance)
1996 gewinnt Becker bei den Australian Open seinen sechsten und letzten Grand Slam Titel (Foto: picture alliance)
Seit 2013 ist Becker Trainer des serbischen Tennis-Profis Novak Djokovic … (Foto: picture alliance)
… den er unter anderem zum Sieg bei den Australian Open 2015 und an die Spitze der Weltrangliste führt (Foto: picture alliance)
Portrait

Der 17-Jährige aus Leimen

Boris Becker ist der erfolgreichste deutsche Tennisspieler und löste 1985 mit seinem Wimbledon-Sieg einen Tennis-Boom in Deutschland aus. In 15 Jahren als Profi von 1984 bis 1999 gewann er sechs Grand-Slam-Turniere und feierte insgesamt 64 Turniersiege.

Bis heute ist Boris Becker nach dem Vier-Satz-Sieg über den Südafrikaner Kevin Curren mit 17 Jahren der jüngste Wimbledon-Sieger. Ein Jahr später, 1986 im Finale gegen den Tschechoslowaken Ivan Lendl, triumphierte er erneut auf dem Rasen des bedeutendsten Tennisturniers. Im Jahr 1989 siegte er gegen den Schweden Stefan Edberg zum dritten Mal im Finale. Vier weitere Male erreichte Becker das Endspiel seines erklärten Lieblingsturniers im Londoner Stadtteil. Bei den anderen Grand Slams gelangen ihm drei Siege: 1989 bei den US Open in New York sowie 1991 und 1996 bei den Australian Open in Melbourne.

Zu weiteren herausragenden Erfolgen zählen der dreimalige Gewinn der ATP-Weltmeisterschaft in den Jahren 1988 (damals „Masters“), 1992 und 1995 sowie der Olympiasieg 1992 in Barcelona im Doppel mit Michael Stich. In den Jahren 1988 und 1989 führte Boris Becker die deutsche Mannschaft zum Sieg im Davis Cup.

Beckers offensives Spiel brachte ihm zu Karrierebeginn den Namen „Bum-Bum-Boris“ ein. Infolge seiner Siege rückte Tennis in Deutschland zum populärsten Zuschauersport nach Fußball auf. Viermal wurde Becker zum Sportler des Jahres gewählt. Ende des Jahres 2013 kehrte er als Trainer des serbischen Weltranglistenersten Novak Djokovic sehr erfolgreich in das internationale Tennis-Geschehen zurück.

Erfolge

Größte Erfolge:

› Sechs Grand-Slam-Titel:
› Dreimal Wimbledon (1985, 1986, 1989)
› Zweimal Australian Open (1991, 1996)
› Einmal US Open (1989)
› Olympia-Gold 1992 mit Michael Stich im Doppel
› Dreimal ATP-Weltmeister (bis 1989 Masters) 1988, 1992, 1995
› Davis-Cup-Sieger 1988 und 1989
› Insgesamt 49 Turniersiege im Einzel und 15 im Doppel
› Zwölf Wochen lang die Nummer 1 der Weltrangliste


Auszeichnungen:
› Aufnahme in die International Tennis Hall of Fame (2003)
› Gründungsmitglied der Laureus World Sports Academy (2000)
› Deutscher Fernsehpreis – Sonderpreis (1999, gemeinsam mit Steffi Graf)
› Viermal Sportler des Jahres (1985, 1986, 1989, 1990)
› Europas Sportler des Jahres (1986, 1989)
› Silbernes Lorbeerblatt (1985)
› Bambi (1985)

Biografie

Der 17-Jährige aus Leimen

Was wäre gewesen, wenn? Die Frage kennt jeder. Wäre ich nicht rechts abgebogen, sondern links; hätte ich nicht auf den Rat des Tutors, sondern auf den der Tante gehört; wäre ich früher aufgewacht oder schneller gewesen? Je voller ein Leben ist, desto mehr Fragen liegen auf dem Tablett, aber manchmal geht es um Momente, auf die man gar keinen Einfluss hatte. Was also wäre passiert, hätte der Amerikaner Tim Mayotte in einem Spiel der vierten Runde der All England Championships 1985 nicht an der Grundlinie gestanden, als ihm der verletzte Gegner zum Zeichen der Aufgabe am Netz die Hand reichen wollte?

Dieser Gegner hieß Boris Becker, war 17 Jahre alt und schien wild entschlossen zu sein, alles über den Haufen zu rennen. Keine zwei Wochen zuvor hatte er bei einem Rasenturnier im Londoner Queen’s Club den ersten Titel seiner Karriere bei den Profis gewonnen, und die Sieger von Queen’s zählen traditionell zu den aussichtsreichen Kandidaten in Wimbledon. Doch dann humpelte dieser große, rotblonde Junge nach einem Sturz mit schmerzendem Knöchel Richtung Netz – und Mayotte stand zu weit weg. Also setzte sich Becker auf seinen Stuhl, hörte die Stimme seines Managers Ion Tiriac, der draußen neben Trainer Günther Bosch saß und schrie: „Boris! Drei Minuten! Drei!“, und begriff – er verlangte vom Schiedsrichter eine Auszeit zur Behandlung. Als sich der angeforderte Physiotherapeut endlich durch die Masse der Zuschauer zum Außenplatz gekämpft hatte, sagte der Schiedsrichter: „Die Zeit ist um.“ Becker protestierte, forderte den Oberschiedsrichter zur Klärung der Angelegenheit an, und der gab grünes Licht. Der Fuß wurde verarztet, der Patient ging zurück ins Spiel, und 20 Minuten später hatte er das Ding gewonnen.

Ein paar Tage später, am 7. Juli, gewann der ungestüme Teenager aus dem Badischen mit einem Sieg gegen Kevin Curren den Titel beim berühmtesten Tennisturnier der Welt – als Jüngster, als erster deutscher und als erster ungesetzter Spieler. Wie die Sache weiter gegangen wäre, hätte Tim Mayotte nicht an der Grundlinie gestanden, sondern bereit zum Handschlag am Netz?

Es spricht vieles dafür, dass Becker diesen Titel und viele andere ohnehin irgendwann gewonnen hätte. Er hatte ja schon gut ein halbes Jahr zuvor bei den Australian Open in Melbourne im Viertelfinale gespielt (das Turnier fand damals im Dezember statt), und es gab reichlich Hinweise darauf, dass er es drauf hatte, die Welt des Tennis aufzumischen. Aber vielleicht hätte ihn die Lawine, die er mit dem Sieg lostrat, ein oder zwei Jahre später nicht so heftig durchgeschüttelt. Was der 7. Juli 1985 auslöste, sowohl in Beckers eigenem Leben als auch im deutschen Sport, das konnte keiner ahnen. Am Tag vor dem Finale hatte er sich noch von seiner Mutter Elvira ein paar Walzerschritte zeigen lassen, weil er dachte, beim Champion’s Dinner müsse er mit der Siegerin tanzen (den Tanz gab es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr), doch dann drehte sich auf einmal sein ganzes Leben im Kreis, und Deutschland spielte verrückt. Dieser 7. Juli war der Tag, an dem Beckers Kindheit und Jugend innerhalb weniger Stunden zu Ende gingen.

Alles, was danach passierte, hatte irgendwie mit dem Moment des Sieges zu tun, der in seiner Bedeutung in der deutschen Sportgeschichte auf einer Ebene mit Max Schmelings Titelgewinn als Boxweltmeister aller Klassen und mit dem Triumph der Fußball-Nationalmannschaft im Endspiel der Weltmeisterschaft 1954 in Bern steht. Wegen der globalen Bedeutung, aber auch wegen des Knalleffekts.

Innerhalb weniger Jahre lernten Großmütter, was es mit zweitem Aufschlag oder Breakball auf sich hatte, weil Tennis auf einmal im Fernsehen übertragen wurde wie sonst nur Fußball oder die Wettbewerbe Olympischer Spiele. Und fast alles, was Becker sagte, tat oder vorhatte, landete in dicken Lettern in Zeitungen und Magazinen. Im Bekanntheitsgrad stand er mit dem Bundeskanzler oder Bundespräsidenten bald auf einer Stufe – wenn nicht sogar ein paar Zentimeter darüber. Und das war nicht nur in Deutschland so; diesen jungen Mann, der in kein Schema passte und der es fast immer schaffte, aus einem ganz normalen Spiel ein Drama zu machen, kannten und erkannten die Leute zwischen Finnland und Fidschi bald überall. „Vielleicht war er zu jung, um zu wissen, dass er zu jung war, um Wimbledon zu gewinnen“, hatte die Washington Post nach dem großen Sieg geschrieben. Er hatte danach lange Zeit keine Chance, sich aus der Umklammerung zu befreien. In seiner ersten Autobiografie („Augenblick, verweile doch“), die 2003 erschien, schrieb er über das Jahr danach: „Es war ein unmenschlicher Druck nach dem ersten Titel. Ich durfte nichts mehr. Adieu Freiheit. Nur noch das Spiel zählte.“

Doch zwölf Monate nach dem Urknall gewann er den Titel in Wimbledon zum zweiten Mal. Im Gegensatz zum ersten, an den sich die halbe Welt erinnern kann, ist vom zweiten weniger hängen geblieben. Dabei ist der, gerade wegen der Vorgeschichte und wegen der Kollektion von Verrücktheiten, vermutlich jener mit dem größten Wert unter den 49 Titeln seiner Karriere.

Becker gewann Grand-Slam-Titel in New York (1989) und in Melbourne (’91 und ’96), aber Wimbledon war für ihn Fixstern und Sehnsuchtsort. Drei Titel holte er im All England Club (’85, ’86 und ’89), weitere vier Mal spielte er im Finale (’88, ’90, ’91 und ’95). Barbara Feltus, Beckers erste Frau, sagte mal, für ihren Mann habe es immer nur drei Jahreszeiten gegeben – die Zeit vor Wimbledon, Wimbledon und die Zeit nach Wimbledon. Und so hätte es keinen besseren Ort für das letzte Spiel seiner schillernden, aufregenden Karriere geben können als den berühmten grünen Centre Court, auf dem er sich im Achtelfinale 1999 im Spiel gegen den Australier Pat Rafter verabschiedete.

Nach mehr als insgesamt 900 Spielen standen am Ende 713 Siege im Einzel zu Buche, darunter zwar keiner im Finale eines Sandplatz-Turniers, aber 38 im Davis Cup. Als er im Frühjahr ’85 zum ersten Mal für Deutschland im wichtigsten und traditionsreichsten Mannschaftswettbewerb des Tennis spielte, hatten die meisten der Zuschauer noch keine konkrete Vorstellung, was sie von diesem Teenager halten sollten, der mit einer kecken schwarzen Lederkappe erschienen war. Beim zweiten Auftritt, fünf Monate später und knapp einem Monat nach dem ersten Triumph in Wimbledon, erlebte Deutschland am Hamburger Rothenbaum zum ersten Mal Fußballatmosphäre auf den Rängen eines Tennisstadions. Die Leute brüllten, trampelten und schwenkten Fahnen, und mehr als ein Jahrzehnt lang war der Davis Cup in Deutschland ein ganz großes Ding. Becker trug maßgeblich zu den Triumphen der Jahre ’88 (in Göteborg gegen Schweden) und ’89 (in Stuttgart gegen Schweden) bei. Zu seinen Fans gehörte Teamchef Niki Pilic, der einmal sagte: „Wenn andere Spieler einen Willen haben, der zwei Tonnen schwer ist, wiegt der von Boris 22. Da gibt es Dinge, die man nicht sehen kann.“

Pilic, einst selbst einer der besten Spieler der Welt, war jedenfalls maßgeblich daran beteiligt, dass Becker mit Partner Michael Stich bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona die Goldmedaille im Doppel gewann. Stich hatte Becker 1991 zur allgemeinen Überraschung den vierten Wimbledontitel weggeschnappt, und die gemeinsame Kommunikation während der Spiele in Spanien tendierte stark gen Null. Jahre später versicherten beide, natürlich hätten sie im Streben danach, besser als der andere zu sein, auch voneinander profitiert.

Der Tennisspieler Becker verabschiedete sich 1999 von seinem Publikum, und er tat sich nicht leicht mit dem Übergang. Es sei ihm bewusst, sagte er, dass er in keinem Job der Welt jemals so gut sein würde wie in diesem. Die ersten Jahre im neuen Jahrtausend waren geprägt von Turbulenzen, geschäftlich wie privat. Seine Ehe wurde geschieden, und im Oktober 2002 verurteilte ihn das Landgericht München I wegen Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. In seiner ersten Biografie schrieb er über diese Zeit: „Plötzlich wurden Ruhm und Reichtum zur Priorität meines Lebens, ich war fremdbestimmt und auf dem besten Weg, mich zu verlieren. Ich habe einen exzessiven Drang, an Grenzen zu gehen. Leben heißt für mich, Schmerzen zu ertragen und Freude zu spüren. Nur dann fühle ich mich wahrhaftig.“

In Deutschland fühlte er sich oft missverstanden, in England, wo er später in der Nähe des All England Clubs ein Haus kaufte, ging es ihm gut. Er blieb Wimbledon treu, kommentierte jahrelang für die BBC während des Turniers und arbeitete auch für andere Fernsehsender, auch in Deutschland. Im Juni 2009 heiratete er die Niederländerin Sharlely (Lilly) Kerssenberg, im Februar 2010 kam der gemeinsame Sohn Amadeus zur Welt, Beckers viertes Kind nach den Söhnen Noah und Elias aus der ersten Ehe und der unehelichen Tochter Anna in London. Er ist Vorsitzender der Laureus Sports for Good Foundation, außerdem ist er Gründungsmitglied der Laureus World Sports Awards, der Auszeichnungen für die besten Sportler der Welt.

Doch mit lautem Knall kehrte er aus der Kommentatorenkabine ins Spiel zurück. Im Dezember 2013, kurz vor Weihnachten, verkündete der Serbe Novak Djokovic, Becker sei ab sofort Chefcoach in seinem Team. Die Nachricht schlug mit ähnlicher Geschwindigkeit ein wie die massiven Aufschläge des neuen Chefs anno dazumal; damit hatte niemand gerechnet. Mit Becker im Team übernahm Djokovic nach seinem zweiten Wimbledonsieg im Sommer 2014 wieder die Spitze der Weltrangliste, gewann im Januar 2015 den fünften Titel bei den Australian Open und ein halbes Jahr danach den dritten in Wimbledon. Stolz und gerührt sah er Djokovic siegen, und er stand dabei auf der Tribüne keine drei Meter von jener Stelle entfernt, an der Karl-Heinz Becker einst Fotos vom Sieger geschossen hatte, seinem 17 Jahre alten Sohn.

Doris Henkel, September 2015


Literatur zu Boris Becker:

Boris Becker: Augenblick, verweile doch. Autobiografie. Gütersloh 2003

Robert Lübenoff: Advantage Becker. Berlin 1997

Herbert Riehl-Heyse (Hrsg.), Boris Becker: Boris B. 18 Autoren, 1 Phänomen. Stuttgart 1992.    

Boris Becker: Das Leben ist kein Spiel. München 2013