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AKTUELLESWahl-Ergebnis 2017
Die Jury der „Hall of Fame des deutschen Sports“ hat vier neue Mitglieder gewählt: Heike Drechsler, Sven Hannawald, Franz Keller und Lothar Matthäus erhielten jeweils eine deutliche Stimmenmehrheit. Gustav-Adolf „Täve“ Schur verfehlte das Quorum von 50 Prozent der abgegebenen Stimmen.

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Joachim Löw

* 3. Februar 1960 in Schönau im Schwarzwald

Fußball

Zeitpunkt der Aufnahme 2015

Joachim Löw ist nach Sepp Herberger, Helmut Schön und Franz Beckenbauer der vierte „Weltmeister-Trainer“ (Foto: picture alliance)
1998 als Trainer des VFB Stuttgart (Foto: picture alliance)
Jubel nach dem Sieg im Viertelfinale bei der WM 2006, damals als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann (Foto: picture alliance)
2014: Joachim Löw reckt den Weltpokal in den Nachthimmel von Rio (Foto: picture alliance)
Jubel mit den deutschen Fans… (Foto: picture alliance)
…und mit WM-Held Bastian Schweinsteiger (Foto: picture alliance)
Nach zwei dritten Plätzen führt Joachim Löw Deutschland 2014 zum Gewinn der Weltmeisterschaft. (Foto: picture alliance)
2015 wird Löw mit der Goldenen Sportpyramide ausgezeichnet (Foto: picture alliance)
Verleihung der Goldenen Sportpyramide in der Handelskammer in Hamburg (Foto: Deutsche Sporthilfe/Herschelmann)
Portrait

Der Stratege und der vierte Stern

Joachim Löw führte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Männer als Bundestrainer 2014 in Brasilien zu ihrem vierten WM-Titel. Sein Führungsstil und die Spielphilosophie machten die Mannschaft zum Botschafter eines modernen, weltoffenen und sympathischen Deutschlands. Mit dem Titelgewinn folgt Löw den siegreichen Bundestrainern Sepp Herberger (1954), Helmut Schön (1974) und Franz Beckenbauer (1990).

 

Seit 2004 betreut Löw die Nationalmannschaft, zunächst als Assistent an der Seite von Jürgen Klinsmann. Nach der WM 2006 in Deutschland, bei der die deutsche Mannschaft den dritten Platz erreichte, übernahm Löw den Posten des Cheftrainers. Bei der EM 2008 erreichte sein Team das Finale gegen Spanien (0:1), bei der WM 2010 in Südafrika den dritten Platz. Bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine blieb der erhoffte Titel noch aus, das DFB-Team scheiterte im Halbfinale mit 1:2 an Italien. Zwei Jahre später stand Löw dann bei der WM in Brasilien ganz oben. Im Halbfinale bezwang die Mannschaft Ausrichter Brasilien am 8. Juli 2014 in Belo Horizonte mit 7:1. Das Finale gewann Deutschland am 12. Juli in Rio de Janeiro mit 1:0 gegen Argentinien.

 

Vor der Nationalmannschaft hatte Löw ab 1995 unter anderem den Bundesligisten VfB Stuttgart trainiert, gewann mit ihm 1997 den DFB-Pokal und erreichte ein Jahr später das Finale im Europapokal der Pokalsieger. Mit dem FC Tirol Innsbruck holte er 2002 die österreichische Meisterschaft. In seiner eigenen Profikarriere kam der Stürmer für den SC Freiburg, den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt sowie den Karlsruher SC zu 52 Einsätzen in der Bundesliga (sieben Tore) und für den SC Freiburg zu 252 Einsätzen (81 Tore) in der Zweiten Bundesliga.

Erfolge

Erfolge als Trainer:

› Weltmeister 2014
› WM-Dritter 2010, 2006
› EM-Zweiter 2008
› EM-Halbfinale 2012
› Österreichischer Meister 2002
› Finalist im Europapokal der Pokalsieger 1998
› DFB-Pokalsieger 1997

Auszeichnungen:

› Goldene Sportpyramide (2015)
› Deutscher Medienpreis (2015)
› Namensgeber für Jogi-Löw-Stadion, Schönau (2014)
› FIFA-Trainer des Jahres 2014
› Fußballtrainer des Jahres 2014
› Ehrenbürger Schönau (2014)
› Silbernes Lorbeerblatt (2010, 2014)
› Bundesverdienstkreuz (2010)
› Bambi (2010)

Biografie

Der Stratege und der vierte Stern

Joachim Löw ist der erste von vier deutschen Weltmeister-Trainern, der selbst nie Nationalspieler war. Er spielte meist zweitklassig beim SC Freiburg. In der Bundesliga schaffte er weder in Stuttgart noch in Frankfurt den entscheidenden Durchbruch. Als Fußballer wäre ihm die Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports also kaum zuteil geworden. Als Trainer aber hat er sich einen Platz sogar direkt neben der Lichtgestalt Franz Beckenbauer mehr als verdient.

Dabei war nicht nur entscheidend, dass er für den Deutschen Fußball-Bund 2014 den vierten Stern vom Fußball-Himmel holte. Von Joachim Löw wird in gleichem Maße bleiben, dass es ihm gelungen ist, die Nationalelf als ein Modell für eine friedliche Gesellschaft zu formen.

Nachdem er schon in Stuttgart (Pokalsieg 1997 und Europacup-Finale 1998) sowie in Innsbruck (österreichischer Meister 2002) Erfolge feiern konnte, wurde er 2004 Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann und nach dem deutschen „Sommermärchen“ 2006 dessen Nachfolger. Die Art und Weise, wie sich Löw an die Arbeit machte, ließ erahnen, dass sein Einfluss schon unter Klinsmann erheblich gewesen sein muss. Gesprochen hat er darüber allerdings nie.

Nach zwei guten Turnieren, aber zwei Niederlagen gegen die damals übermächtigen Spanier bei der EM 2008 (Finale) und der WM 2010 (Halbfinale) waren Löws wichtigste Markenzeichen längst offensichtlich: Kontinuität und Beharrlichkeit. Er ließ sich keinen Spieler einreden und erst recht keinen schlecht reden. Und auch als er bei der EM 2012 nach der bitteren Halbfinal-Niederlage gegen Italien zum ersten Mal massiv in die Kritik geraten war, ging er seinen Weg konsequent weiter. Er habe seine Aufstellung und Taktik zu sehr auf den Gegner abgestellt, hieß es. Er habe sich massiv verzockt.

Auch wenn die Kritik im Kern nicht völlig von der Hand zu weisen war, so hat sie Joachim Löw doch tief getroffen. Weil er ein akribischer Arbeiter ist und ihn der Begriff „Zocker“ tief beleidigt haben muss.

Löw wurde in Schönau (Landkreis Lörrach) im Schwarzwald geboren. Der Vater war selbstständiger Ofensetzer, Jogi der Älteste von vier Söhnen. Er besuchte das heimische Gymnasium bis zur Mittleren Reife und war Ministrant. Er hat mal erzählt: „Ich war halt ein Jugendlicher aus einer Kleinstadt in den 70er, 80er Jahren. Als Ältester hatte ich den schwierigsten Stand, ich musste mir vieles erst erkämpfen, um mal weggehen zu dürfen zum Beispiel. Die Regeln daheim waren schon streng. Ich bin dann relativ früh, so mit 17, von zu Hause weg und nach Freiburg gegangen. Wobei mir das Zuhause anfangs schon gefehlt hat. Wir waren ja eine große Familie, da war man sehr geborgen.“

Was und wieviel sich davon in seine Teamführung als Bundestrainer übertragen hat, ist nicht messbar. Beim Gewinn der Weltmeisterschaft 2014, dem größten Erfolg von Joachim Löw, präsentierte sich die DFB-Delegation jedenfalls als „Die Mannschaft“ wie sie inzwischen als Wort-Bild-Marke heißt, was ausdrücken soll, wofür sie steht: Kreativität, Spielstärke, Respekt, Fairplay – und daneben für Zusammenhalt, Teamgeist und Geschlossenheit.

Dies alles offenbarte sich beim legendären 7:1-Jahrhundertsieg im Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien, als „Die Mannschaft“ unter Löw nicht nur absoluten Weltklasse-Fußball zelebrierte, sondern auch noch weltweite Anerkennung erfuhr, weil sie dem Gegner in der schwersten Niederlage seiner Geschichte den nötigen Respekt entgegenbrachte. Dieses Spiel war der Höhepunkt der gesamten WM, der vierte Titel in der DFB-Geschichte wurde schließlich durch einen 1:0-Sieg nach Verlängerung gegen Argentinien errungen.

Ein halbes Jahr später hielt Joachim Löw bei der Verleihung des „Deutschen Medien-Preises“ in Baden-Baden eine viel beachtete Rede. Er entwarf dabei seine Vision einer friedlichen Welt. Mit Boateng, Mustafi, Khedira, Özil, Klose und Podolski waren in seinem WM-Kader sechs Spieler mit einem Migrationshintergrund. Und Löw führte aus: „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht seine Herkunft. Es gibt tolle Menschen in allen Kulturen und Religionen. Alle können hervorragend miteinander auskommen, wenn sie sich gegenseitig respektieren und die ausgemachten Regeln einhalten. Wir können und wollen den Menschen mit unserem Fußball viel Freude und Spaß bereiten. Und viele positive Emotionen auslösen. Aber wir sollten auch mit aller unserer Überzeugung dafür eintreten, andere Werte und Ziele zu verfolgen. Wie Integration, Eintreten gegen Rassismus oder Antisemitismus. Gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit...“

Joachim Löw sieht seine Mission noch lange nicht als erfüllt an. Nach dem WM-Gewinn 2014 erklärte er, dass er als Bundestrainer weiterarbeiten will.

Alfred Draxler, September 2015


Literatur zu Joachim Löw:

Christoph Bausenwein: Joachim Löw: Ästhet, Stratege, Weltmeister. Göttingen 2014

Christoph Bausenwein: Joachim Löw und sein Traum vom perfekten Spiel. Göttingen 2011