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Henner Misersky

* 25.12.1940 in Jena

Skilanglauf

Zeitpunkt der Aufnahme 2012

Albertville 1992: Henner Misersky (Foto: imago)
Portrait

Mit Moral zu Medaillen

Die Geschichte von Vater und Tochter ist miteinander verbunden: Als Ski-Langlauftrainer beim SC Motor Zella-Mehlis hatte Henner Misersky die wohl beste Nachwuchsgruppe von Skilangläuferinnen der damaligen DDR aufgebaut, darunter seine Tochter Antje, die 1985 WM-Bronze mit der DDR-Staffel gewann. 1985 sollte er seinen Athletinnen Dopingmittel verabreichen. Er weigerte sich und informierte seine Sportlerinnen über die Dopingpläne und die damit verbundenen gesundheitlichen Gefahren. Daraufhin wurde der früher sehr erfolgreiche Langstreckenläufer fristlos entlassen, die Tochter beendete ihre Karriere im DDR-Ski-Langlauf – und feierte nach der Wende 1992 im Biathlon ein von olympischem Gold gekröntes Comeback.

Wegen der folgenden politischen Nötigungen – unter anderem sollte Tochter Antje den Eltern nicht mehr vom Training erzählen – und des angekündigten Einsatzes von Dopingmitteln trat sie aus der Kinder- und Jugendsportschule aus. Erst 1989 setzte sie ihr Training unter veränderten politischen Vorzeichen fort und konzentrierte sich auf den nun auch für Frauen olympisch gewordenen Biathlonsport. Bei den Winterspielen 1992 gewann sie Gold über 15 km und sagte danach: „Der Sieg gehört meinem Vater“. Darüber hinaus holte sie in Albertville Silber über 7,5 km und mit der Staffel. 1994 in Lillehammer folgte Olympia-Silber mit der Staffel, 1995 in Antholz WM-Gold mit der Staffel. Antje Harvey bewies, dass man Doping widerstehen und trotzdem die Weltspitze erreichen kann. Die konsequente Haltung ihres Vaters, der bewusst berufliche und persönliche Nachteile in Kauf genommen hatte, war ihr dafür Vorbild und Motivation. Nach der Wende war Henner Misersky Vorreiter für die Aufarbeitung des DDR-Dopings, so wie Brigitte Berendonk in Ost und West.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Ehrennadel des Thüringer Skiverbandes (2010)
› Heidi-Krieger-Medaille für Einsatz gegen Doping (2009)

Besondere Biografie:
Henner Misersky wurde stellvertretend für den Bereich „Besondere Biografie im Kampf gegen Doping“ in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Biografie

Mit Moral zu Medaillen

Es war nicht so, dass Henner Misersky im deutschen Sport diese Rolle freiwillig spielte. Oft schien sie ihn nämlich zu einem „ewigen Außenseiter“ abzustempeln. Er und alle, die ihn näher kannten, wussten es besser. Doch das waren nur wenige. Dieser Skilanglauf-Trainer aus Thüringen vom Jahrgang 1940 bekannte Farbe: Er sagte, was er dachte. Ihn befiel nie die Angst vor Königsthronen. Oder vor der Obrigkeit. Das geschah weder in der Politik noch im Sport. 

Zuallererst war für Henner Misersky die deutsche Einheit ein hoher persönlicher Feiertag. Er hatte ihn wie nichts anderes ersehnt. Der untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) weinte er keine Träne nach. Er wusste, dass er wachsam sein musste. Im Sport lagen unter der Erdoberfläche auch noch nach der Wende im November 1989 viele Minen, besonders Doping-Minen, die jederzeit hochgehen konnten.

Es gibt einen persönlichen Augenblick in Henner Miserskys Leben, in dem sich wie unter einem Brennglas sein ganzer Charakter zeigte, damals bei der ARD-Fernseh-Übertragung der Olympischen Winterspiele 1992 aus dem französischen Albertville. Seine Tochter Antje war am Vormittag Olympiasiegerin im 15-Kilometer-Langlauf des Biathlons geworden. Ihren Vater, der auch ihr Trainer war, hatte ein bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe angestellter Freund mitgenommen, andernfalls wäre er daheim in dem Dorf Stützerbach nahe Oberhof geblieben. Damit war der Boden bereitet worden, was später als ein „legendäres“ Interview in die deutsche Fernsehgeschichte einging. 

Plötzlich stand er zum ersten Mal im Scheinwerferlicht, und der Moderator stellte die unvermeidliche Frage nach den Gefühlen des glücklichen Vaters. Die Antwort lag für ihn auf der Hand. Aber der gerade im hellen Licht Ausgeleuchtete trennte sofort kühl das Wichtige vom Unwichtigen. Das Besondere, antwortete er, und zog einen großen Bogen, sei nicht das unverhoffte Geschenk seiner Antje auf der Loipe gewesen, sondern „die Wiedervereinigung“ seines Vaterlandes. Noch Jahre später würde er erzählen, dass ihm jedes Mal ein Schauer über den Rücken laufe, wenn er die Grenze zwischen Thüringen und Bayern überquere. Er fuhr oft und gewann im deutschen Süden zahlreiche deutsche Seniorenmeisterschaften im Skilanglauf. Selbst bei den Welttitelkämpfen holte er einige Goldplaketten. Schon im Jahr 1965 war er ostdeutscher Vizemeister im 3000-Meter-Hindernislauf geworden. 

Henner Misersky hatte keine Übung darin, sich zu verbiegen. Jetzt nutzte er geistesgegenwärtig die Gelegenheit, die führenden Funktionäre des Deutschen Ski-Verbandes bloß zu stellen. Er war nicht nur mutig, sondern tollkühn, wenn er monierte, dass sie nach der Aufnahme der ostdeutschen Biathleten in den neuen Verband auch deren alten Trainer übernommen hätten. Es wies darauf hin, dass es ausschließlich Leute mit einer Dopingvergangenheit waren. Sodann nannte er die Namen der maßgeblichen Offiziellen aus Bayern und die der unehrenhaften Trainerkollegen, die sich eine neue Festanstellung ergattert hatten.

Das Millionenpublikum vor den Bildschirmen staunte. Der Thüringer war sogar dankbar, die neue Möglichkeit wahrnehmen zu können, seine Meinung frei zu äußern. Das war gelernte Demokratie.

Ihm war der Hinweis wichtig, dass im deutschen Spitzensport die Wiedervereinigung nur höchst unzulänglich stattgefunden hatte. Den Einwand der maßgeblichen West-Funktionäre, die ostdeutschen Sportler sollten unter den neuen Bedingungen wenigstens ihre vertrauten Trainer behalten, war für ihn an den Haaren herbeigezogen. In Wahrheit wolle auch der Westen klammheimlich die Vorteile des Dopings übernehmen. Mit den unzureichenden Doping-Kontrollen würde man schon fertig. Die Funktionäre und ihre Helfershelfer waren mit dem laut ausgesprochenen Argument auch schnell zur Hand: „Wir kontrollieren, und das Ausland lacht sich über uns tot.“

Zu jener Zeit gehörte Henner Misersky einer kleinen Gruppe an, die in Deutschland für flächendeckende Dopingkontrollen eintrat. Er glaubte an die Gerechtigkeit als eine Leitschnur. Ohne sie würde alles zerbrechen. Und denkt bitte daran, dass eines Tages die Eltern ihre Kinder nicht mehr zu Spitzensport schicken! Ein System, das sich auf der Lüge aufbaut, hat keine Zukunftschancen. Bei Prozessen gegen den einen oder anderen Hauptdoper trat Misersky als Zeuge an. Er fuhr bis zum Landgericht in Mainz. Daraufhin verloren die schlimmsten Trainer-Täter ihre Anstellungen im Deutschen Ski-Verband, jedoch längst nicht alle.

Henner Misersky verbitterte die Gedankenlosigkeit im Westen. Dabei war er wenigstens aufgehoben in seiner Familie mit einer starken Ehefrau an seiner Seite, übrigens einer ehemaligen 800-Meter-Meisterin, und in einem sich allmählich formierenden Kreis neuer Freunde auch aus West und Ost, mit denen sie den Kampf gegen Doping teilten. Mehr als zehn waren es ohnehin nicht. Sie sagten, dass der Kampf gegen Doping keine Himmelsrichtung kenne. Die Ostdeutschen argumentierten ja gern hinter der vorgehaltenen Hand, nur sie ständen am Pranger.

Nach der Wende bestätigte sein früherer Professor an der Jenaer Universität, dass ihm, Henner Misersky, „trotz bester Studienleistungen“ eine wissenschaftliche Laufbahn und Promotion verwehrt blieben. Er war „politisch unzuverlässig“ gewesen mitsamt der ganzen Familie. So lautete der offizielle Sprachgebrauch der diktatorischen Sozialistischen Einheitspartei (SED). 

Ein notwendiger Blick zurück, der noch einmal das lange Ab und das heftige und kurze Auf beschreibt: Die Funktionäre des ostdeutschen Ski-Verbandes waren erst 1983 auf den Skilanglauftrainer Misersky aufmerksam geworden, weil er an einer Technischen Hochschule eine sehr leistungsstarke Sektion im Ausdauersport aufgebaut hatte und seine beiden Töchter Heike und Antje im Schüler- und Jugendbereich landesweit für Furore sorgten. Die staatlich geförderte Nachwuchselite hatte das Nachsehen. Seine Ideen vom individuellen und kreativen Training wollte man nutzen. Kurzerhand wechselte er den Arbeitsplatz und wurde auf SED-Parteibeschluss zum Leistungssportklub Zella-Mehlis „delegiert“ – deklariert „als sozialistische Hilfeleistung zur Lösung leistungssportlicher Aufgaben“. Erfolgsbedingt stieg er rasch in die Kategorie der Spitzentrainer auf.

Zwei Jahre danach erhielt Henner Misersky zu einem Trainertreffen in Oberhof eine Einladung, von der er später sagte, sie hätte sein Leben verändert. Er zitiert einen Spitzentrainer, der gerade eine neue Zeitrechnung des DDR-Skiverbandes ankündigte und mitteilte: „Ab sofort gehören unterstützende Mittel auch beim Nachwuchs zum Verbandsprogramm.“ „Wie im Frauenrudern und im Kanu.“ Jene unterstützenden Mittel trugen das Kürzel U.M. Das wusste nur ein kleiner, zur unbedingten Geheimhaltung verpflichteter Kreis. U.M. war schlicht die Umschreibung für Doping. In diesem Fall sollten die Mädchen und jungen Frauen männliche Sexualhormone schlucken. Das berühmt gewordene Oral-Turinabol, das Standard-Dopingmittel der DDR.

Da die Schwiegermutter des Thüringer Trainers Ärztin war, ließ er sich von ihr aufklären und erfuhr sofort von der Gefährlichkeit dieses verschreibungspflichtigen Arzneimittels. Es an gesunde weibliche Personen zu verabreichen, dazu regelmäßig und über Jahre hinweg, ohne jede ärztliche Indikation, konnte nur verbrecherisch sein. Die Folgen wären unüberschaubar. Es begänne mit typischer Steriod-Akne, setze sich fort über Herzprobleme, Leberschäden, Vermännlichung bis zum Krebs. 

Darüber klärte er Tochter Antje und seine ganze Mädchen-Gruppe auf. Alle sagten entschieden Nein, und der damalige Vizepräsident Leistungssport Thomas Köhler ordnete wenig später an: „Misersky ist zu entlassen.“

Plötzlich stellte sich für Henner Misersky eine neue Herausforderung ein. Gleich nach der Wende, aber noch vor dem Vollzug der deutschen Einheit, waren in der Noch-DDR dank einer friedlichen Revolution der Bevölkerung die Demokratie und die Freiheit eingezogen. Es ergab sich, dass die nächsten Olympischen Winterspiele nur noch ein Jahr entfernt waren, und Biathlon war gerade erst eine neue olympische Disziplin geworden. Weil die DDR bei Olympia den schon leistungsstarken Biathletinnen der BRD die Medaillen nicht überlassen wollte, musste sie für Albertville 1992 auch eine noch nicht vorhandene Frauen-Mannschaft melden. So erinnerten sie sich an Antje Misersky und ihren Vater. Beide hatten noch nichts verlernt. Es ging auch mit Fairplay und Ehrlichkeit. 


Robert Hartmann, Mai 2012