Sport schreibt
Geschichte.

Willkommen zu einer einzigartigen Zeitreise.

AKTUELLESDemnächst: 20. August
Am 20. August vor 80 Jahren wird in Hinterzarten im Schwarzwald Georg Thoma geboren. Der Nordische Kombinierer gewann 1960 in Squaw Valley als erster Mitteleuropäer Olympia-Gold und 1966 den WM-Titel.

Mitglieder nächstes Mitglied zur Übersicht

Prof. Dr. h.c. mult. Berthold Beitz

* 26.09.1913 in Zemmin bei Greifswald

† 30.07.2013 in Kampen (Sylt)

Gestalter & Denker

Zeitpunkt der Aufnahme 2008

Berthold Beitz 1957 (Foto: picture alliance)
Willi Daume (re.) und Berthold Beitz (li.) am Rande der NOK-Mitgliederversammlung 1980 (Foto: picture alliance)
1988 wurde Beitz vom IOC zum Ehrenmitglied auf Lebenszeit ernannt (Foto: picture alliance)
Berthold Beitz war nach dem Krieg einer der einflussreichsten Männer der deutschen Wirtschaft (Foto: picture alliance)
Berthold Beitz bei der Aufnahme in die "Hall of Fame des deutschen Sports" am 31. Mai 2008 in Berlin (Foto: picture alliance)
Portrait

Menschenretter, Unternehmer, Sportfunktionär

Berthold Beitz hat sich vielfach um den Sport verdient gemacht. Beitz war begeisterter Segler und Ruderer. Für die Olympischen Spiele 1972 in München leitete er im Organisationskomitee den Segelsportausschuss. 1972 begann auch seine Karriere als Sportfunktionär: Beitz wurde Mitglied im Nationalen und Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dessen Vizepräsident er von 1984 bis 1988 war. Er engagierte sich für den wirtschaftlichen, kulturellen und sportlichen Austausch mit der Sowjetunion. Gegen den Boykott der Spiele 1980 protestierte er vergebens, doch als es 1988 darum ging, UdSSR und DDR von einem erneuten Olympiaboykott abzubringen, verhandelte Beitz lange und erfolgreich im Sinne der olympischen Idee. Das IOC ernannte ihn 1988 zum Ehrenmitglied auf Lebenszeit. Zusammen mit seiner Frau Else rettete er während des 2. Weltkriegs als junger Öl-Manager in Polen Hunderte jüdischer Zwangsarbeiter aus den Deportationszügen, indem er sie als unentbehrlich für die Industrie einstufte. Beitz sprach jahrzehntelang nicht über die Rettungstaten. Sie wurden erst 1973 bekannt, als ihn die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zum „Gerechten unter den Völkern“ erklärte – eine Auszeichnung, die 2006 auch seine Frau erhielt. Nach dem Krieg wurde Beitz einer der einflussreichsten Männer der deutschen Wirtschaft. Als Generalbevollmächtigter des Krupp-Konzerns gestaltete er den Wiederaufstieg des Großunternehmens. Die Krupp-Stiftung schüttete unter seiner Leitung über 600 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke aus.

Erfolge

Ämter im Sport:
› Vizepräsident Internationales Olympisches Komitee (1984–1988)
› Mitglied Internationales Olympisches Komitee (1972–1988)
› Ehrenmitglied Internationales Olympisches Komitee (seit 1988)
› Mitglied Nationales Olympisches Komitee (1972–2006)
› Vorsitzender Segelsportausschuss Olympisches Komitee München (1966–1972)

Auszeichnungen:
› Ehrenbürger der Stadt Essen (2007; einzige Verleihung seit 1949)
› Ehrenbürger der Ruhr-Universität zu Bochum (2005)
› Ehrenbürger der Stadt Kiel (2003)
› Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden (1999)
› Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1987)
› Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1979)
› Kommandorium mit Stern des Verdienstordens der Volksrepublik Polen (1974)
› Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem (1973)

Biografie

Menschenretter, Unternehmer, Sportfunktionär

Jede Würdigung von Berthold Beitz muss damit beginnen, dass er eine Mitgliedschaft in einer Ruhmeshalle verdient hat, die weit über den Sport hinausgeht. Während Hunderttausende Deutsche daran beteiligt waren, Millionen von Juden umzubringen, hat er zwischen 1942 und 1944 Hunderte von ihnen in seiner Zeit als leitender Angestellter eines Ölkonzerns im polnischen Boryslaw vor ihrer Ermordung bewahrt. Größen des deutschen Geisteslebens mit hohem moralischen Anspruch haben ihre Mitgliedschaft in SS und Wehrmacht lange schamhaft verschwiegen. Beitz hat sich mehr als sechs Jahrzehnte Zeit gelassen, um über seine Rettungstaten in fürchterlicher Zeit eingehend zu berichten. „Ich war kein Held, nur einfach ein Mensch. Ich musste es einfach tun“, hat er gesagt.

1952 hat eine Begegnung mit Alfried Krupp dem Leben von Berthold Beitz die entscheidende Wende gegeben. Der Urenkel von Gründer Alfred Krupp bestellte ihn ein Jahr später zum Generalbevollmächtigten eines Unternehmens, das beispielhaft steht für katastrophales deutsches Versagen und Erneuerung. Aus der Waffenschmiede, die Hitler die Kanonen für seinen Krieg geliefert hatte, schuf Beitz als Testamentsvollstrecker des letzten Krupp einen dem Gemeinwohl verpflichteten Weltkonzern. Den lenkte er nach der Verschmelzung mit Thyssen als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats und als Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, größter Anteilseigner am Unternehmen, bis zu seinem Tode mit. So wurde Berthold Beitz zu einer der prägenden Figuren der Nachkriegswirtschaft und ein Mäzen. Nahezu eine halbe Milliarde Euro hat die Stiftung, gespeist von den Krupp-Erträgen, seit 1967 gespendet.

Altkanzler Helmut Schmidt rühmte in einer Laudatio zum 90. Geburtstag das „ Phänomen Beitz“. Es verbinde Lebensfreude, Impulsivität, Beweglichkeit mit prinzipieller Treue und Beharrlichkeit. Es stehe für Gemeinnutz und bilde einen krassen Gegensatz zu einer neuen Managergeneration, in der Gier und ein Übermaß an Renditedenken weit verbreitet seien. Schmidt nannte Beitz zudem einen „Diplomaten ohne staatlichen Auftrag“, einen „Vorreiter der Verständigung“, der immer auch „die Treue zum getrennten Teil unseres Volkes hochgehalten hat“. In Ost-Berlin, Moskau und Warschau standen dem im pommerschen Zemmin bei Greifswald Geborenen alle Türen offen. Als starker Unterstützer der Ostpolitik von Willy Brandt konnte er den Kniefall des Kanzlers im Warschauer Ghetto aus der Nähe miterleben. Es hatte eine Konsequenz, dass Beitz 1980 in eine Gegnerschaft zu Kanzler Schmidts Boykott-Verdikt für die Moskauer Spiele geriet.

Zu diesem Zeitpunkt war Beitz bereits ein Sportfunktionär. Allerdings, kaum eine Bezeichnung beschreibt unzureichender, was der Unabhängige, der Herr, der Mann der Formen und des Stils, der 1971 zum „bestangezogenen Mann Deutschlands“ Gekürte, nach eigenem Verständnis und Auftreten im Sport gewesen ist und wie er gewirkt hat. Zum Sport gekommen ist er durch Alfried Krupp und Willi Daume. Der letzte Krupp-Erbe hatte mit der Germania III 1936 bei den Olympischen Spielen in der 8-m-Klasse eine Bronzemedaille ersegelt. Beitz ist auf der Germania VI, der letzten von Alfried 1963 in Kiel erbauten Traditionsyacht des Hauses Krupp, zum Großsegler geworden.

Auch im Sport habe er im Sinne seines großen Vorbilds Alfried Krupp gewirkt, sagte Beitz. In Stellung gebracht wurde er durch Daume. Der gewann ihn als Organisator der olympischen Segel-Wettbewerbe 1972 vor Kiel, was die Stadt Beitz später mit der Ehrenbürgerschaft dankte. Daume war es auch, der ihm im selben Jahr beim damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage einen Platz unter den Olympiern verschaffte. Die Nachbarschaft der vielen gekrönten und ungekrönten Häupter, das hat Beitz gefallen, und auch, dass die drei Krupp-Ringe nun durch fünf olympische Ringe eine Ergänzung fanden. Als IOC-Mitglied fiel er zunächst nicht besonders auf, es war Daumes Hochzeit als erster deutscher Vizepräsident. Das änderte sich 1980 mit der Wahl von Juan Antonio Samaranch zum Nachfolger des irischen Übergangspräsidenten Lord Michael Killanin. Der Spanier nutzte das große Potenzial des Deutschen, vier Jahre später stieg Beitz zu seinem Stellvertreter auf.

Es kam eine aufregende Zeit, auch eine Zeit der Neugründung, gekennzeichnet durch Boykotte und die katastrophale finanzielle Situation des IOC. Beitz ahnte früh, dass Moskau den westlichen Boykott der Spiele 1980 mit einem Fernbleiben der Los-Angeles-Olympiade beantworten würde. Aus seinen Kontakten zu Erich Honecker wusste er, dass sich die DDR trotz Widerstrebens einem sowjetischen Boykott würde anschließen müssen. Nach 1984 ging es nur noch um Schadensbegrenzung, Beitz war als west-östlicher Brückenbauer stark involviert. Überraschend nutzte Honecker 1985 die IOC-Vollversammlung in Ost-Berlin, um die Teilnahme der DDR an den Spielen in 1988 in Seoul anzukündigen. Dies wirkte wie ein Schachzug gegen Moskau mit präjudizierender Wirkung. Beitz hat dabei die Figuren mit geführt.

Schon 1974 hatte Killanin den Krupp-Chef in die Finanzkommission berufen. Damals steckte das olympische Geschäft mit dem Fernsehen noch in den Kinderschuhen, Sponsoring war ein Fremdwort und Olympier hatten für ihre IOC-Mitgliedschaft noch Beiträge zu zahlen. Das IOC war bettelarm, Olympische Spiele mussten gänzlich aus Steuermitteln finanziert werden. Samaranch hat das geändert. Doch machte Beitz 1983 nur ein Jahr lang mit in der vom Spanier eingerichteten Kommission zur Beschaffung neuer finanzieller Ressourcen, die schließlich das Programm der TOP-Sponsoren kreierte, als zweite finanzielle Säule neben dem später boomenden Geschäft mit den Fernsehrechten. Beitz, zeitweise Mitglied in fünf Kommissionen, sprach damals von Überlastung. Fest steht, dass er das Wirken von Samaranch begleitet hat mit großem Respekt und einer Prise Skepsis. Respekt für die Führerschaft, mit der der Spanier das IOC zu neuen Ufern lenkte, Skepsis für manches Übermaß.

Dazu gehörte der Eklat, den der IOC-Präsident bei der Session in Ost-Berlin mit der Entlassung von Monique Berlioux auslöste. Die Madame hatte 18 Jahre lang als rechte Hand von Brundage und dessen Nachfolger Killanin gewirkt und dabei eine Eigenmacht entwickelt, die Samaranch zunehmend empörte. Zudem ging Frau Berlioux in Opposition zu den vom Spanier mit großer Energie betriebenen Kommerzplänen. Beitz war als Feuerwehrmann gefordert. Mit Eleganz, Charme und Härte handelte er mit der von ihm geschätzten Französin einen Auflösungsvertrag aus, der eine Abfindung in Millionenhöhe, Kritiker sagen „Schweigegeld“, beinhaltete. Wegen „unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten mit dem Exekutivkomitee“ musste die IOC-Generalsekretärin selbst ihren Rückzug verkünden, ihre mit Spannung erwarteten Memoiren blieben aus.

1988 endete die Amtszeit von Beitz aus Altergründen, das damalige Limit lag bei 75 Jahren. Der Krupp-Manager wurde zum Ehrenmitglied befördert und half Samaranch ein letztes Mal. Als Vorsitzender der Stiftung für das Olympische Museum sammelte er jene 110 Millionen Mark mit ein, mit denen sich der Spanier ein Denkmal setzte und das IOC im schönen Lausanne endgültig verankerte.

Aus dem nationalen Sportgetriebe zog sich Beitz frühzeitig zurück. Als Stifter tat er auch dem Sport manch Gutes. So finanzierte er den Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht, eine wissenschaftliche Untersuchung von beträchtlicher Aussagekraft. Beitz half, wo immer es ging. Ohne seine Unterstützung wäre Willi Daume in seinen letzten Jahren zu einem Armutsfall geworden.

Wer dem Menschen Beitz nahe kommen wollte, hatte es ganz schwer. Privates ließ er höchst ungern zu. Essen und die Villa Hügel waren mehr als ein halbes Jahrhundert lang das Zentrum, sein Revier als passionierter Jäger lag vor allem im österreichischen Gerlos, Kiel war sein „Heimathafen“, Sylt seine besondere Erholungszone. Der „nüchterne Pommer“, wie er sich bezeichnete, war ein außerordentlicher Netzwerker mit einem fotografischen Gedächtnis. Zu fast jedem Gesicht kannte er den Namen und die dazugehörigen Geschichten. Er schätzte vor allem „Charakter und Leistung“, war ein Mann fester Regeln. Als Gast auf der Germania stellte Helmut Schmidt mit Verwunderung fest, dass Beitz jeweils des Mittags für ein knappes Stündchen in seiner Koje verschwand und deutete es als Hinweis darauf, wie es jemandem gelingen kann, bis ins höchste Alter so fit zu bleiben.

Beitz hatte drei Töchter, die er innig liebte. Er hatte eine großartige Frau, die sich nicht erdrücken ließ von diesem Jahrhundertmann. Mit 58 hat sie ihr Abitur gemacht, mit 64 ihr Diplom und mit 73 ihren Doktor-Titel. Weil sie einen großen Anteil hatte an der Rettung vieler Juden im polnischen Galizien, ist auch sie mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ der israelischen Gedenkstädte Yad Vashem ausgezeichnet worden. Für Berthold Beitz ist das Wirken im Sport neben der „Lebensaufgabe“ Krupp „wichtiges Hobby“ gewesen. Dass die Nebensache manchmal zur Hauptsache werden kann, verbindende Wirkungen erzielt und das Leben sehr bereichert, räumte er selbst vergnügt mit dem Bekenntnis ein, er habe seine Frau auf dem Tennisplatz kennen gelernt: „Da kann man mal sehen, wozu der Sport gut ist.“

Günter Deister


Literatur zu Berthold Beitz:

Joachim Käppner: Berthold Beitz. Die Biographie. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt. Berlin 2010

Bernd Schmalhausen: Berthold Beitz im Dritten Reich. Bottrop 1991

Thomas Sandkühler: „Endlösung“ in Galizien: der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941 – 1944. Bonn 1996

Diana Maria Friz: Alfried Krupp und Berthold Beitz. Der Erbe und sein Statthalter. Zürich 1988

Lothar Gall (Hrsg.): Krupp im 20. Jahrhundert. München 2002