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Am 5. November vor 50 Jahren wirft Liesel Westermann ihren ersten Weltrekord. In Sao Paulo sind damals sagenhafte 61,62 Meter auch der erste Diskuswurf einer Frau über 60 Meter. Eine Leistung, die mit der Wahl zur Sportlerin des Jahres 1967 belohnt wird.

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Katarina Witt

* 03.12.1965 in Staaken

Eiskunstlauf

Zeitpunkt der Aufnahme 2010

In Calgary begeistert Katarina Witt 1988 als "Carmen" bei den Olympischen Spielen (Foto: picture alliance)
1984 in Sarajevo gelingt Witt der erste Olympiasieg... (Foto: picture alliance)
... Diesen Erfolg wiederholt sie vier Jahre später in Calgary (Foto: picture alliance)
Elegant sichert Kati Witt sich den erneuten Titel (Foto: picture alliance)
Klar, dass sie da gut Lachen hat: Kati Witt mit ihrer zweiten Goldmedaille (Foto: picture alliance)
1995 wird Kati Witt in die World Hall of Fame des Eiskunstlaufs aufgenommen (Foto: picture alliance)
Das US-amerikanische Time-Magazine betitelte Katarina Witt einst als "schönstes Gesicht des Sozialismus" (Foto: picture alliance)
Weltmeisterin 1984, 1985, 1987, 1988 (Foto: picture alliance)
2010 erhält Katarina Witt die Goldene Sportpyramide (Foto: Deutsche Sporthilfe/Herschelmann)
Portrait

Weltstar auf und neben dem Eis 

Katarina Witt ist eine der erfolgreichsten Eiskunstläuferinnen der Geschichte und ein Weltstar. Neben den beiden Olympiasiegen 1984 in Sarajevo und 1988 in Calgary war sie viermal Weltmeisterin und zweimal WM-Zweite. Zwischen 1983 und 1988 gewann sie sechsmal in Folge die Europameisterschaft. Ende 1988 startete sie eine Profikarriere, drehte 1989 ihren ersten Film „Carmen on Ice“ und bekam dafür 1990 den Emmy, den wichtigsten amerikanischen Fernseh-Preis. Als Eiskunstlauf-Profi war sie mit allen großen Tourneen der Welt unterwegs. 1994 nahm sie in Lillehammer noch einmal als Amateurin an Olympischen Spielen teil und wurde Siebte. Erst im März 2008 beendete sie ihre sportliche Karriere auf dem Eis mit einer Abschiedstournee. Das US-amerikanische Time-Magazin betitelte Katarina Witt einst als „schönstes Gesicht des Sozialismus“. Während und nach ihrer sportlichen Karriere erhielt sie eine Vielzahl an Auszeichnungen. 2005 gründete Katarina Witt eine nach ihr benannte Stiftung. Damit unterstützt sie vorrangig die Mobilität von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung. Katarina Witt war Vorsitzende des Kuratoriums für die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Olympiasiegerin 1984 und 1988
› Weltmeisterin 1984, 1985, 1987, 1988
› WM-Zweite 1982, 1986
› Europameisterin 1983, 1984, 1985, 1986, 1987, 1988

Auszeichnungen:
› Goldene Sportpyramide (2010)
› Goldenes Band der Berliner Sportjournalisten (2009)
› Deutscher Nachhaltigkeitspreis für soziales Engagement (Sport-Bild, 2008)
› Bild-Osgar (2007)
› „Blaues Herz“ für Kinderfreundlichkeit (2006)
› Aufnahme in die Hall of Fame der International Women’s Sports Foundation (2005)
› Women’s World Award (World Business Award, 2004)
› Goldene Henne (Super Illu, 2003)
› Deutschlands Eisläuferin des 20. Jahrhunderts (1999, Sportmagazin Kicker)
› Aufnahme in die World Hall of Fame des Eiskunstlaufs (1995)
› Goldene Kamera (1994)
› Emmy-Fernsehpreis (USA, 1990)
› Jacques Favart-Trophy (höchste Auszeichnung des Weltverbands, 1989)
› Olympischer Orden des IOC (1988)
› Bambi (1988)
› DDR-Sportlerin des Jahres (1984)
› Vaterländischer Verdienstorden der DDR in Gold (1984)
› Goldenes Band der Sportpresse (2009)

Biografie

Weltstar auf und neben dem Eis

Mit ihrer Offensive des Lächelns gewann sie fast immer und überall. Ihr Charme, ihr Witz, ihre Natürlichkeit haben Katarina Witt zu einer Unabhängigkeit verholfen, die sie über ein turbulentes, abwechslungsreiches, meist erfolgreiches Leben getragen hat – auch in den Jahren ihrer Wanderschaft zwischen der DDR und dem wiedervereinten Deutschland. Die zweimalige Olympiasiegerin, viermalige Weltmeisterin und sechsmalige Europameisterin im Eiskunstlauf war immer mehr als nur eine höchst ansehnliche Protagonistin ihres Sports, die der DDR zugeordnet wurde. Sie selbst prägte die Agenda kraft ihrer Persönlichkeit, auch wenn andere glaubten, mit ihr für sich selbst und ihre politisch-ideologischen Botschaften werben zu können. Und so war es kein Zufall, dass Katarina Witt eine ihrer schönsten Schaulaufnummern dem Musical „Elisabeth“ entlehnte. Sie schwebte darin zu dem Song „Ich gehör’ nur mir“ über das Eis und war in diesen Momenten wie so oft, wenn sie in ihrem Element war, ganz bei sich selbst.

Die in Staaken bei Berlin am 3. Dezember 1965 geborene und im damaligen Karl-Marx-Stadt aufgewachsene und sportlich sozialisierte Tochter eines Agronomen und einer Physiotherapeutin verkörperte bei ihren Auftritten eine unbeirrbare Bodenständigkeit, die sich mit einer Aura von Welt verband. Dass das amerikanische „Time Magazine“ sie einmal zum „schönsten Gesicht des Sozialismus“ adelte, zeigte jenseits aller schwärmerischen Attribute auch, wie wichtig es der alles andere als weltoffenen DDR war, sich mit dieser jungen Frau propagandistisch zu schmücken, um so Sympathiepunkte für das eigene mausgraue Regime zu sammeln. Doch „die“ Witt ließ sich nicht vereinnahmen: nicht von einem Regime, dem sie als früheres SED-Mitglied nie opponierte, nicht von ihrer strengen Trainerin Jutta Müller, der sie eine ebenbürtige, gleichstarke Partnerin war, nicht von den Männern, mit denen sie liiert war, und auch nicht von den Regelhütern ihres Sports, die sie notfalls zu becircen wusste. Katarina Witt entwickelte ein Autonomiebedürfnis, das sie sich mit ihren Erfolgen und ihrem Charisma erkämpfte, das sie scheinbar schwerelos auch in schweren Zeiten behauptete.

Auf dem Eis setzte sie, wenn es eng wurde und die Konkurrenz ihre Chance witterte, die Waffen einer Frau ein und überstrahlte so ihre gelegentlichen Schwächen bei den Dreifachsprüngen. Zur Überfliegerin des Eiskunstlaufs stieg sie deshalb auf, weil das, was damals noch B-Note hieß und unter dem Begriff „künstlerischer Wert“ bisweilen sehr subjektiv benotet wurde, ihre Domäne war. Choreographie, Kostüme, Schminke, Musik: Katarina Witt präsentierte sich als Gesamtkunstwerk und siegte mit der Chuzpe einer von sich überzeugten Athletin. Mochte auch das sportliche Potenzial ihrer damaligen Widersacherinnen, voran die Amerikanerin Debi Thomas, ähnlich groß sein: Gegen die Willenskraft der Katarina Witt und ihre Professionalität, die eigenen, betörenden Qualitäten bis zur Neige auszuschöpfen, kamen sie nicht an. Während Debi Thomas, die 1988 in ihrer Kür bei den Olympischen Winterspielen in Calgary wie die Deutsche als „Carmen“ auftrat, an diesem Rollenspiel zerbrach und nur Dritte wurde, triumphierte die feurige sächsische „Carmen“ in ihrem roten Festkostüm noch einmal mit Grandezza und eroberte wie 1984 in Sarajevo die Goldmedaille. „Nervosität und Energie in Aggressivität verwandeln“, das konnte sie, wie sie selbst einmal sagte, in dieser Sportart des schönen Scheins wie nach ihr keine zweite Kunstläuferin. Wegen ihrer Fähigkeit, sich auf den Punkt konzentrieren zu können, bestand sie schließlich auch ihr letztes olympisches Abenteuer 1994 in Lillehammer, als sie es sechs Jahre nach ihrem Rücktritt vom Wettkampfstress noch einmal wissen wollte und gegen weit jüngere Konkurrentinnen einen aller Ehren werten siebten Platz belegte. Danach tourte sie wie in der Zeit davor über die Eisbahnen in aller Welt als Königin der Eisshows. Auch dieser Teil ihrer außergewöhnlichen Lebenslaufbahn trug denkwürdige Züge, ließ doch die DDR-Staatsführung ihre Meisterin des Eises nach Jahren voller Titel und Medaillen 1988 gen Zürich ausreisen, wo Katarina Witt der Revue „Holiday On Ice“ ihr eigenes Glanzlicht aufsetzte.

Abseits ihrer Bühne verwandelte sich Katarina Witt im Laufe der Jahre zu einer geschäftstüchtigen Frau, die immer wieder überraschende Pointen zu setzen verstand. Mal trat sie in Filmen wie „Carmen On Ice“ auf, mal noch zu DDR-Zeiten in bundesdeutschen Talksshows, mal als Buchautorin („Meine Jahre zwischen Pflicht und Kür“), mal als Nacktmodel im binnen kürzester Zeit ausverkauften „Playboy“. Das Fernsehen bot ihr die Möglichkeit, Shows wie „Stars auf Eis“ zu moderieren oder als Eiskunstlauf-Expertin die Übertragungen von Weltmeisterschaften oder Olympischen Winterspielen anzureichern. Dazu warb Katarina Witt für große Unternehmen und entwarf ihre eigene Schmuckkollektion. Die Frau blieb bis heute im Gespräch und im Geschäft. Derzeit ist die Berlinerin so etwas wie eine Wahl-Münchnerin, da sie als Kuratoriumsvorsitzende der Münchner Olympia-Bewerbung für 2018 aktiv unterwegs ist.

Sich einzumischen, gehörte immer zum Selbstverständnis dieser sehr temperamentvollen Frau, die in Berlin mit ihren Eltern unter einem Dach lebt. Dabei musste sie in den Jahren der Wende und der Wiedervereinigung auch viel Kritik einstecken, weil sie nicht sogleich der politischen Korrektheit genügen und von ihrer DDR-Vergangenheit abrücken wollte. Viele ihrer Landsleute im Osten Deutschlands hielten sie damals trotzdem für zu westlich, so mancher Westdeutsche störte sich an ihrer jahrelangen Nähe zu den DDR-Machthabern. Katarina Witt selbst überlächelte auch diese schwierige Phase ihrer kunterbunten Vita, in der sie vor allem als Begünstigte der Zeitläufe dastand. Dabei hat sie letztlich immer das gemacht und gesagt, wonach ihr der Sinn stand. Ein homo politicus im engeren Sinne ist sie nie gewesen, eher eine fröhliche Lebensspielerin, die sich in veränderten Verhältnissen rasch zurechtfand und ihren alten Freunden immer treu blieb. Es passte zu ihrem unangepassten Naturell, dass sie den Amerikanern, die sie in den Jahren des deutschen Um- und Aufbruchs sogleich zu einem „Freiheitssymbol“ ausriefen, ein grobes Missverständnis der Wirklichkeit vorhielt.

„Ich gehör’ nur mir“ – das Liedmotto, nach dem sie sich auf dem Eis um ihre eigene Achse drehte, behauptete sie auch gegenüber den Nachstellungen der Stasi, die 27 Aktenordner mit 3103 Seiten über sie führte. Die DDR-Regenten, angeführt von ihrem obersten Fan, dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, fürchteten seit Mitte der achtziger Jahre, dass ihr Sportstar, der nichts Duckmäuserisches an sich hatte, eines Tages die Gelegenheit zur Republikflucht nutzen würde. Da kannten sie aber Katarina Witt schlecht. „Sie hatten Angst, dass ich abhaue, aber ich wollte nicht abhauen“, hat die ob ihrer Erfolge und ihres globalen Ruhms auch im realen Sozialismus erkennbar privilegierte Sportlerin einmal gesagt.

Sie durfte sich schließlich mit dem Segen von oben zwischen den Welten bewegen, als sie ihr sportliches Soll übererfüllt hatte. Eine wie sie war 1988 nicht länger in engen Grenzen zu halten, und ein Jahr später fiel dann auch die Mauer in der inzwischen maroden DDR. Katarina Witt hatte sich, je weiter sie als herausragende Sportlerin in der Welt herumgekommen war, desto mehr von den piefigen Obrigkeiten ihres sterbenden Staates emanzipiert. Alles unter Kontrolle? Mit solchen timiden Gedanken, sich selbst vor Überraschungen zu schützen, konnte sie in ihrem Drang, das Leben und die Länder jenseits ihrer Heimat kennen zu lernen, nichts anfangen. Jenen guten Bekannten, die sie damals rund um die Eishalle am Chemnitzer Küchwald penibel observierten, hat sie längst verziehen.

Als Katarina Witt endlich so frei war, sich von den Zwängen zu lösen, die sie nicht über die Maßen beschwerten, hat sie nicht triumphiert. Sie hat es auf ihre Weise getan: unangestrengt, charmant, selbstverständlich und mit einem Lächeln auf den Lippen. Das Leben, so scheint es, ist für Katarina Witt eine einzige Kür. 

Roland Zorn, Mai 2010


Literatur zu Katarina Witt:

Katarina Witt: Meine Jahre zwischen Pflicht und Kür. München 1994