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Franz Beckenbauer

* 11.09.1945 in München

Fußball

Zeitpunkt der Aufnahme 2006

Franz Beckenbauer galt als internationaler Ausnahmeathlet (Foto: picture alliance)
Fußball-Weltmeisterschaft 1974 - Kapitän Franz Beckenbauer mit der Siegertrophäe (Foto: picture alliance)
Franz Beckenbauer als Kapitän und Schaltstelle der WM-Mannschaft von 1974 (Foto: picture alliance)
Weltmeister als Trainer: Beckenbauer feiert nach dem 1:0-Finalsieg zusammen mit seiner Mannschaft (Foto: picture alliance)
"Kaiser Franz": Motor der WM 2006 (Foto: picture alliance)
Franz Beckenbauer wird 2006 mit der Goldenen Sportpyramide ausgezeichnet (Foto: Herschelmann/Deutsche Sporthilfe)
Portrait

Der Kaiser – Lichtgestalt des Sports 

Franz Beckenbauer gewann als Spieler und Kapitän der Nationalelf (1974) und als Teamchef (1990) die Weltmeisterschaft im Fußball. Er sorgte federführend dafür, dass die Fußball-WM 2006 in Deutschland ausgetragen wurde und leitete anschließend mit großem Erfolg („Sommermärchen“) das Organisationskomitee der WM. Als Fußballer genoss der „Kaiser“ den Ruf eines internationalen Ausnahmeathleten. Als Spieler bestritt er in zwölf Jahren 103 Länderspiele und wurde 1972 auch Europameister und 1966 WM-Zweiter. Mit dem FC Bayern München gewann der Libero unter anderem dreimal den Europapokal der Landesmeister. Insgesamt wurde Beckenbauer fünfmal Deutscher Meister.

Seit 2009 ist Franz Beckenbauer Ehrenpräsident des FC Bayern München. Den erfolgreichsten deutschen Fußball-Verein hatte er zuvor ab 1994 als Präsident geführt.

Von 1998 bis 2010 gehörte Beckenbauer als Vizepräsident dem DFB-Präsidium an, von 2007 bis Juni 2011 war er Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees. Mit seiner eigenen Stiftung unterstützt er seit 1982 behinderte, bedürftige und unverschuldet in Not geratene Menschen mit Millionenbeträgen.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Weltmeister als Spieler (1974) und Trainer (1990)
› WM-Zweiter 1966 als Spieler (1966) und Trainer (1986)
› Europameister 1972
› Dreimal Europapokalsieger der Landesmeister mit Bayern München (1974, 1975 und 1976)
› Weltpokalsieger 1976 mit Bayern München
› Deutscher Meister 1969, 1972, 1973, 1974 (Bayern München) und 1982 (Hamburger SV)
› Deutscher Pokalsieger 1966, 1967, 1969 und 1971
› US-Meister 1977, 1978, 1980 (Cosmos New York)

Auszeichnungen:
› Laureus World Sports Award (2007)
› Großes Bundesverdienstkreuz (2006)
› Goldene Sportpyramide (2006)
› Millennium-Bambi (2005)
› Bambi (1986, 1990, 1995, 2000)
› Jahrhundert-Verdienstorden der FIFA (2004)
› Ehrenspielführer des DFB (1982)
› Europas Fußballer des Jahres (1972, 1976)
› Deutschlands Fußballer des Jahres(1966, 1968, 1974, 1976)
› Silbernes Lorbeerblatt (1966, 1967)
› Goldenes Band der Sportpresse (1972)

Biografie

Der Kaiser – Lichtgestalt des Sports

Würden die Persönlichkeiten in der Hall of Fame ihren Kapitän wählen können, ihren Spielführer, ihren Leader, also den Größten unter den Großen des deutschen Sports – sie würden sich wahrscheinlich für Franz Beckenbauer entscheiden.

Er wurde als Spieler Weltmeister (1974), er wurde als Trainer Weltmeister (1990). Und als Funktionär hat er unserem Land die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 be¬schert, ein Ereignis, das Deutschland verändert hat. Die Süddeutsche Zeitung erhob ihn danach zum „gefühlten Bundespräsidenten“, und aus England stammt der ehr¬fürchtige Satz: „Franz ist der einzige Mensch, der aus dem Fenster springt und nach oben fällt!“

Welcher Zauber begleitet ihn, dass er aufsteigen konnte vom einfachen Buben aus München-Giesing zu einem der besten Fußballer aller Zeiten, später zu einem der bekanntesten und einflussreichsten Männer Deutschlands? Dass ihn ein ganzes Land seit Jahrzehnten verehrt und bewundert und wir stets bereit sind, ihm die klei¬nen und manchmal auch großen Fehler zu verzeihen.

In seiner Zeit als Fußballer lehrte er den Ball Gehorsam. Der legendäre Pelé war zwar torgefährlicher, Johan Cruyff schneller, Maradona trickreicher – aber keiner von ihnen spielte so makellos und so elegant wie Franz Beckenbauer. Er revolutionierte den Fußball, indem er für sich die Position des Liberos erfand. Er war gescheit, weil er begriffen hat, dass die Gedanken und der Ball immer schneller sind als die Beine. Wahrscheinlich war sein Trikot deshalb auch nach dem Schlusspfiff meistens noch sauber. Selbst seinem getreuen Vorstopper „Katsche“ Schwarzenbeck blieb der Be¬gnadete ein Rätsel: „Von Haus aus hat er den Ball nie angeschaut, sondern gefühlt.“ Und der Fernseh-Reporter Ernst Huberty schwärmte: „Wenn er schießt, bekommt der Ball Augen und weiß, wo er hin muss.“ Der Blick eines Feldherrn und das Geschick eines Jongleurs. Mit 19 war er Nationalspieler, mit 20 Vize-Weltmeister, mit 23 zum ersten Mal Deutscher Meister, mit 27 Europameister, mit 29 war er Weltmeister. Und die ganze Welt nannte ihn nur noch „Kaiser“. Mehr geht nicht!

In seiner Zeit als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft erinnerte er manch¬mal an einen Adler, der eine Schar von Hühnern zu stolzen Greifvögeln ausbilden sollte. Aber selbst das ist ihm gelungen, sonst wäre Deutschland nicht mit einer technisch unterentwickelten Mannschaft Vize-Weltmeister (1986) und schließlich sogar Weltmeister (1990) geworden. Beckenbauer war der ideale Trainer, niemand konnte ihm etwas vormachen, aber er konnte allen alles vormachen. Die Spieler hatten Hochachtung und Respekt vor ihm. Legendär seine Wutausbrüche am Spiel¬feldrand, die einmal in dem Satz gipfelten: „Ihr seids die blindeste aller blinden Mannschaften.“ Anschließend kickte er einen Eis-Eimer quer durch die Kabine und trat die Tür ein.

Ein ganz anderes Bild aber hat sich einer ganzen Nation unauslöschlich ins Ge¬dächtnis gebrannt. Franz Beckenbauer geht allein über den Rasen des Olympiasta¬dions von Rom, während die Spieler mit dem WM-Pokal ihre Ehrenrunde drehen. Um seinen Hals baumelt die Goldmedaille, die Hände hat er hinter dem Rücken ver¬schränkt. Hat er in diesem Moment über sein Leben nachgedacht, das ihm und ganz Deutschland so viel Ehre gebracht hat? Nie hat er sich aufgedrängt, immer ist er ge¬beten und bedrängt worden, eine Aufgabe zu übernehmen. Und stets stand am Ende der große Erfolg.

Ist er also wirklich die Lichtgestalt, der die großen und kleinen Siege nur so zuflie¬gen? Oder sind diese auch das Produkt akribischer und leidenschaftlicher Arbeit? Wahrscheinlich ist das Phänomen Beckenbauer aus einer Mischung aus beidem entstanden. Auf die Frage nach seiner Glücksformel antwortete er kurz vor seinem 60. Geburtstag: „Glück muss man sich erarbeiten. Es gibt sowieso nur glückliche Momente, aber ein Glück auf Dauer gibt’s nicht. Ich habe bis jetzt noch keinen gese¬hen, der das Fenster aufgemacht und gesagt hat: „Glück komm herein! – und es ist gekommen.“

Als Teamchef beobachtete er selbst schwächere Gegner wie Malta oder Luxemburg bis zu dreimal höchstpersönlich. Schon als kleiner Junge hatte er den Ball stunden¬lang gegen eine Hauswand geschossen, immer und immer wieder, bis er gar nicht mehr hinzuschauen brauchte. Jahre später stellte er sich dann vor die Torwand aus dem ZDF-Sportstudio, legte den Ball auf ein volles Weißbierglas und kickte ihn direkt rechts unten ins Loch. Glück oder Genius? Bei Beckenbauer weiß man das letztlich nie so genau.

Und dann setzte er sich endgültig die Krone des Fußball-Kaisers auf, als er Deutschland die Weltmeisterschaft 2006 schenkte. Erst als Chef des Bewerbungs-, dann als Chef des Organisations-Komitees. Er reiste durch alle Kontinente und lud die Teilnehmer-Mannschaften persönlich nach Deutschland ein. Mit dem WM-Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ versetzte er das ganze Land in einen nie da gewe¬senen Glücks-Taumel und veränderte das Bild der Deutschen in der ganzen Welt.

Unsere Straßen wurden schwarz-rot-gold. Ein neuer, positiver Patriotismus, der im Ausland endlich nicht mehr misstrauisch beäugt wurde. Auf den Fanmeilen feierten Hunderttausende (bei nie enden wollendem Kaiser-Wetter) begeisternde Fußball-Feste. Und plötzlich wusste man in jedem Ort der Erde: Deutschland ist ein fröhli¬ches Land, Deutschland ist ein friedliches Land, Deutschland ist ein schönes Land. Was Politiker mit all ihren Gesetzen und Initiativen in Jahrzehnten nicht geschafft hatten, ist einem Fußballer aus München-Giesing gelungen.

Dem Unerreichten aber ist so viel Weihrauch eher peinlich. Er rückt seine randlose Brille zurecht, schaut aus blau-grünen Augen und sagt: „A geh, ich hab doch auch Fehler gemacht!“ Sicher, viele Eigentore, einmal sogar zwei in einem Spiel. Sein Privatleben, das nicht immer reibungslos verlief, hielt und hält Deutschland in Atem. Aber als seine zweite Ehe wegen eines unehelichen Kindes scheiterte, sagte er in einem Fernseh-Interview mit einem Lächeln, das nur er hat: „Schauen Sie, der Herr¬gott freut sich über jeden neuen Erdenbürger.“ Und alles war wieder gut!

Franz Beckenbauer hat ein Lebens-Motto: „Du darfst nie vergessen, wo du her¬kommst. Und auch nicht die Menschen, die dir auf deinem Weg begegnet sind.“ Nie hat er einen Autogrammwunsch ausgeschlagen. Wo andere Stars nur ein paar Striche kritzeln, schreibt er mit kleiner, fein säuberlicher Handschrift seinen langen Namen. Und ist ihm jemand besonders sympathisch, setzt er auch noch das Datum darunter. „Bitte schön“, sagt er, wenn er den Zettel oder die Autogrammkarte zurück¬gibt. Der eine eben! 

Alfred Draxler, April 2006


Literatur zu Franz Beckenbauer:

Alfred Draxler (Hrsg.): Franz – Bilder eines bewegten Lebens. Augsburg 2005

Torsten Körner: Franz Beckenbauer – der freie Mann. Gütersloh 2005

Silke Wiedemann: Franz Beckenbauer – der Erfolg spielt mit, die Biographie einer Sportlegende. Düsseldorf 2002