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AKTUELLES22. März
Vor 80 Jahren wird in Querschied bei Saarbrücken der Leichtathlet Armin Hary geboren. Er lief 1960 als erster Mensch die 100 Meter in 10,0 Sekunden und gewann in Rom Olympia-Gold über 100 Meter und mit der 4x100-Meter-Staffel.

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Klaus Wolfermann

* 31.03.1946 in Altdorf bei Nürnberg

Leichtathletik

Zeitpunkt der Aufnahme 2011

Klaus Wolfermann 1972 München (Foto: picture alliance)
München 1972: Großer Jubel beim Empfang der olympischen Goldmedaille (Foto: picture alliance)
Wolfermanns "Goldener Wurf" war lediglich zwei Zentimeter weiter als der des Zweitplatzierten (Foto: picture alliance)
Deutschlands Speerwerfer des Jahrhunderts (1999, kicker Sportmagazin) (Foto: picture alliance)
Klaus Wolfermann: Olympiasieger 1972 und zweimal Sportler des Jahres (Foto: picture alliance)
Portrait

Speerwerfer des Jahrhunderts 

Klaus Wolfermann schrieb 1972 bei den Olympischen Spielen in München Sportgeschichte. Im fünften Versuch des Speerwurf-Wettbewerbs schleuderte er das Wurfgerät 90,48 Meter weit und wurde so mit zwei Zentimetern Vorsprung vor seinem großen lettischen Rivalen Janis Lusis Olympiasieger. 1973 warf Wolfermann (Heimatverein: SV Gendorf) sogar Weltrekord (94,08 Meter) und gewann den Europacup-Endkampf gegen Janis Lusis. In beiden Jahren wurde er zum „Sportler des Jahres“ gewählt.

Klaus Wolfermann, der bei Europameisterschaften Sechster (1971) und Fünfter (1974) war und zwischen 1969 und 1974 sechsmal nacheinander Deutscher Meister, plagten später Armprobleme. 1978 beendete er seine Karriere. Wolfermann engagiert sich vielfältig für soziale Zwecke. Er arrangiert Benefiz-Spiele und -Golfturniere, ist Sonderbotschafter für Special Olympics und Botschafter der Kinderhilfe Organtransplantation.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Olympia-Gold 1972
› Weltrekord 1973

Auszeichnungen:
› Deutschlands Speerwerfer des Jahrhunderts (1999, Sportmagazin Kicker)
› Rudolf-Harbig-Preis (1978)
› Sportler des Jahres (1972, 1973)
› Silbernes Lorbeerblatt (1972)

Biografie

Speerwerfer des Jahrhunderts

Schon wahr, als ihm der größte Wurf seines Lebens gelungen war, ist es so manchem professionellen Beobachter nicht leicht gefallen, Klaus Wolfermann phänotypisch einzuordnen. Dabei hätten sie alle Zeit der Welt gehabt, ihre Vorstellung von einem Sportler heroischen Ausmaßes in Einklang zu bringen mit der Realität des soeben Gesehenen. Seit vier Jahren schon hatte sich schließlich diese Kontur des Speerwerfers abgezeichnet: kompakte Gedrungenheit, angetrieben von geballter Energie. Und zudem noch: Vollbart. Dergestalt das Gold Olympias zu schürfen und dabei einem Unbezwingbaren aus dem Baltikum zuvorzukommen, hatte den verblüfften Großmeistern des Worts die Optik verzogen: Wie den „Sparkassenbeamten im Ort“ empfanden sie den fränkischen Bezwinger des Letten Janis Lusis, wie einen „Meister im Minigolf“.

Zu derlei schier ans Despektierliche grenzenden Vergleichen ist es hernach nicht mehr gekommen. Stattdessen: Die Verneigungen vor dem Namen Wolfermann haben bis heute eine Tiefe, der Respekt vor seinem Lebenswerk einen Umfang, wie sie nur wenigen Olympiasiegern von 1972 zuteil geworden sind. In „Leitgedanke und Kriterien“ der Hall of Fame des deutschen Sports heißt es, sie sei für „Menschen, die durch ihren Erfolg im Wettkampf und durch ihren Einsatz für die Ideen des Sports Geschichte geschrieben haben“.

Ein Satz, der aus einer Laudatio auf den früheren Speerwerfer stammen könnte.

Manchmal wundert er sich selbst ein wenig, als wie widerstandsfähig sich seine immer noch hohe öffentliche Wertstellung in dieser schnelllebigen Zeit erweist. Er versucht das einerseits mit der „Aura der Umstände“ damals in München zu begründen, Umstände, die sich dauerhaft festgesetzt haben, auch als Symbole für einen unverstellten und heute nicht mehr selbstverständlichen Olympismus: Das Flair des Stadions, die Dramaturgie des Wettkampfs mit der Winzigkeit von zwei Zentimetern zwischen Gold und Silber, die Fairness im Umgang mit dem Gegner (Wolfermann entschuldigte sich spontan beim Favoriten Lusis für seinen Überraschungssieg), der Freudensprung bis unter die Kuppel des Zeltdachs. Auch glaubt Wolfermann seinen unverwüstlichen Prominentenstatus darauf zurückzuführen, „dass ich keinen Schmarrn gemacht hab` danach“. Nicht bei der Erziehung durch das Elternhaus: „Ich weiß, wo ich herkomme“.

Schon vier Jahre nach dem Olympiasieg und zwei Jahre vor dem Ende der Sportlerlaufbahn - erst als Turner und Handballer, bevor der dann 17-Jährige sich der Leichtathletik verschrieb – erkannte er den Profit, den ihm der Sport hinterlassen hatte: „Die Stabilisierung meiner Persönlichkeit auf einem hohen Maß“. Das war ihm damals wichtiger als der materielle Vorteil, den er im Zeitlauf freilich durchaus schätzen lernte. So sagt er, des wirtschaftlichen Aspekts wegen wäre er schon gern erst in der heutigen Zeit Olympiasieger geworden. Das Erlebnis 1972 allein sei, wohlgemerkt, durch nichts aufzuwiegen: „Das kannst du nicht mehr nachholen“. Fragt man, wie alles verlaufen wäre, hätte man ihm 1972 „nur“ Silber oder Bronze überreicht, für Ränge also, die er vorab für realistisch hielt, kommt Wolfermanns Antwort ohne einen Moment des Nachdenkens: „Nicht anders als sonst“.

Zielstrebigkeit, vorwiegend im Sport „erlernt“, hat ihn nicht vom Weg abkommen lassen. Selten wurde etwas dem Zufall überlassen, auch im Beruf nicht. Die Stationen dort: Ausbildung in Nürnberg zum Werkzeugmacher, Sportlehrer-Studium in München, Übungsleiter im oberbayerischen Gendorf, Sportmanagement erst in Herzogenaurach, später in der eigenen Agentur mit Sitz im voralpenländischen Penzberg. Stets treibt ihn sein „starker Wille“ an, „wurscht, was ich anpacke“. Typisch Wolfermann auch der Sinnspruch seines Lebens: Ohne Disziplin keine Leistung. „Meine Stärken“ nennt er diese Eigenschaften, ohne sie hätte es keinen Speerwurf-Olympiasieger namens Wolfermann gegeben.

Von Schwächen spricht er nicht. „Eigentlich gibt’s da kaum etwas“, überlegt er. Höchstens: „Manchmal bin ich ein bisschen risikoscheu“. Zum Beispiel 1976. Die Qualifikation für die Spiele in Montreal hatte er in der Tasche, den Wurfarm aber in der Schlinge. Der Ellbogen! Alle Rehabilitationsmaßnahmen – für die Katz. Wolfermann schrieb die Titelverteidigung ab, ein bis heute nur wenigen Menschen bekanntes Angebot des Nationalen Olympischen Komitees von Willi Daume, der Kerle wie Wolfermann mochte, mitzufliegen nach Kanada, lehnte er ab. Er hätte dort an den Start gehen und ein erneutes Aufbrechen der Verletzung vortäuschen sollen, um dann aufzuhören. Derlei widersprach seiner Vorstellung von Fairplay. Risikobereitschaft hatte er eben nicht im Repertoire. Die Absage der Spiele mag seine größte Enttäuschung gewesen sein. Den Speer deshalb für immer in die Ecke zu stellen, kam nicht in Frage, nicht für einen wie Wolfermann. Schluss war erst 1978.

Weit davon entfernt, ein Hüne von Gestalt zu sein, wäre er in der DDR aufgrund seiner Konstitution zu den Turnern delegiert worden. Gern erzählt Wolfermann von einer Begegnung mit dem ehemaligen polnischen Weltrekordler Janusz Sidlo im Jahr 1967. Sidlo zu dem Deutschen: Bist ein guter, aber irgendwie doch kein richtiger Speerwerfer. Dass ihn solche Frotzeleien herausforderten, bedarf keiner Betonung. 1968 kam er erstmals über 80 Meter - nur eineinhalb Meter fehlten zum Weltrekord von Spötter Sidlo. Als er 1974 selbst den Weltrekord (94,08 m) eroberte, steckte der Speer zehneinhalb Meter jenseits der Sidlo-Marke.

Leuchtet man den Hintergrund seiner Erfolge weiter aus, zeigen sich dort vier Personen, die gleichsam den Steigbügel gehalten respektive das Unternehmen Speerwurf auf Betriebstemperatur gebracht haben. Da ist sein Vater, ein Schmied und Spitzenturner, der die Qualifikation für Olympia 1936 nur knapp verfehlte. Von ihm hat er das Sportler-Gen. Der Vater von Harry Abraham, einem Speerwerfer aus der fränkischen Nachbarschaft in Feucht, brachte Wolfermann in die Speerwurfspur. Es muss 1961/62 gewesen sein, als Vater Abraham den Handballer Wolfermann beim Schnupperkurs mit dem Speer und Würfen um 47 Meter beobachtete. Der beeindruckte Abraham: Hör auf mit Handball! Der dritte Mann: der Landshuter Hermann Rieder, ein ehemaliger Sportwissenschaftler, Professor am Heidelberger Uni-Sportinstitut und selbst Speerwerfer. Rieder coachte Wolfermann zum Olympiasieg. Die einzige Frau im Viererbund, gleichwohl die wichtigste Bezugsperson in Sport und Beruf ist: Ehefrau Friederike (Ehemann Klaus: „Sie hat gewusst, mit wem sie sich einlässt“). Ohne sie geht nichts und ohne den Rest der Familie auch nichts. Klaus W. ist Familienmensch. Er schätzt die heimischen Rituale.

Am Ende nun wäre die Geschichte des Menschen Wolfermann unvollständig, unterließe man den Hinweis auf eine weitere Eigenschaft: Sein auffälliges Sozialverhalten. Klaus Wolfermann hilft gern. Waren es früher die Kumpels aus der Sportlergilde, so sind es heute die Hilfsbedürftigsten der Gesellschaft, denen er Unterstützung zusagt: Kindern mit einem schweren Handicap. Folglich organisiert seine Agentur Charity-Veranstaltungen unter anderen im Golf, Beachvolleyball und Fußball, vorwiegend mit bekannten Sportlern von einst und jetzt. In der Kinderhilfe Organtransplantation, in den Initiativen der Speerwurf-Weltmeisterin und Behinderten-Sportlehrerin Steffi Nerius und bei Special Olympics Deutschland für geistig Behinderte freut man sich auf die von Wolfermann akquirierten Mittel.

Er nennt das Wichernhaus in seiner Heimatstadt Altdorf bei Nürnberg als Wurzel für sein soziales Engagement. Dort, in der heilpädagogischen Tagesstätte für körperlich und mehrfach Behinderte, hat er schon als Jugendlicher erfahren können, wo Hilfe am notwendigsten ist. Und wieder vergisst er auch sein Elternhaus nicht. „Da wurde stets gefragt: Kann man helfen“. 

Michael Gernandt, Mai 2011


Literatur zu Klaus Wolfermann:

Karl Adolf Scherer: 100 Jahre Olympische Spiele. Dortmund 1995