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Dr. Helmut Recknagel

* 20.03.1937 in Steinbach-Hallenberg/Thüringen

Ski nordisch

Zeitpunkt der Aufnahme 2011

Helmut Recknagel landet im Januar 1960 bei der Olympiaausscheidung in Oberhof/Thüringen (Foto: picture alliance)
Dreimal gewinnt Recknagel die Vierschanzentournee (1957/58, 1958/59 und 1960/61) (Foto: picture alliance)
Weltmeister 1960 und 1962 (Foto: picture alliance)
Großer Jubel bei Recknagel nach seinem Olympiasieg 1960 in Squaw Valley (Foto: picture alliance)
Olympiasieger, Weltmeister, Sieger der Vierschanzentournee (Foto: picture alliance)
Portrait

Die deutsche Skisprunglegende 

Er war Olympiasieger, Weltmeister, dreifacher Sieger der Vierschanzentournee. Und obendrein war es Helmut Recknagel, der im Jahr 1957 als erster nicht-skandinavischer Skispringer seit Beginn der Wettkämpfe 1883 am Holmenkollen gewann. Drei Jahre später siegte er erneut in Oslo und feierte als Olympiasieger auf der Großschanze seinen größten Triumph. Bei den Spielen 1960 in Squaw Valley war er auch Fahnenträger der gesamtdeutschen Mannschaft. Bei Weltmeisterschaften siegte Recknagel 1962 auf der Großschanze und gewann 1958 (Großschanze) und 1962 (Normalschanze) jeweils eine Bronzemedaille. Im Jahr 1962 wurde der Athlet vom SC Motor Zella-Mehlis zum „DDR-Sportler des Jahres“ gekürt. Nach den Olympischen Spielen 1964 beendete er seine Karriere. Helmut Recknagel studierte Veterinärmedizin, promovierte 1973 und arbeitete als Fachtierarzt für Lebensmittelhygiene. Dem Sport blieb er bis Anfang der 1990er Jahre als Sprungrichter verbunden, zudem war er von 1970 bis 1990 Persönliches Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee der DDR.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Olympia-Gold 1960
› Weltmeister 1960, 1962
› WM-Bronze 1958, 1962
› Dreimal Sieger Vierschanzentournee (1957/58, 1958/59, 1960/61)

Auszeichnungen:

› DDR-Sportler des Jahres (1962)
› Holmenkollen-Medaille (1960)
› Vaterländischer Verdienstorden in Silber (1960) und Gold (1970)
› Fahnenträger der gesamtdeutschen Mannschaft (1960)

Biografie

Die deutsche Skisprunglegende

Zwei Dinge fallen sofort auf. Wer mit Helmut Recknagel redet, hört deutlich, wie er das R rollt, als sei er nie aus seiner thüringischen Heimat weggegangen. Dabei lebt er schon fast 50 Jahre in Berlin, ohne den hauptstädtischen Dialekt angenommen zu haben. Zum Zweiten ist seine nach wie vor sportliche Erscheinung bemerkenswert. Mit 68 Kilo gibt er sein Gewicht an, und man glaubt es ihm aufs Wort, rank und schlank, wie er ist mit seinen 1,74 Meter Körpergröße.

„Mein Wettkampfgewicht“, sagt Recknagel stolz. Es sei eine Frage der Disziplin. Alles andere, Gesundheit vorausgesetzt, seien Ausreden. Die lässt er nicht gelten, wenn man zum Beispiel dagegenhält, dass doch mit fortschreitendem Alter... „Man muss vor allem wollen“, winkt er ab. Von seinen Willenseigenschaften, vor allem seinem Mut, wird noch die Rede sein.

Zunächst wäre Helmut Recknagel gern ein Roter Teufel geworden. Einer wie Fritz und Ottmar Walter. Der Betzenberg in Kaiserslautern sollte es sein, dachte er sich, als die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz mit dem Triumph der deutschen Mannschaft geendet hatte. „Das haben wir sehr, sehr aufmerksam am Radio verfolgt, und Fußball habe ich immer gerne gespielt.“ Offensichtlich auch recht gut. Dem jungen Mann aus Steinbach-Hallenberg wurden jedenfalls von vielen Seiten hervorragende Qualitäten bescheinigt. Nun lag Kaiserslautern damals im Westen des geteilten Landes, und der Weg in die Pfalz wäre für ihn mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden gewesen. Aber da hatte auch Turbine Halle, ein Verein aus der DDR-Oberliga, ein Angebot unterbreitet.

Es kam anders, Recknagel wurde bekanntlich kein Fußballer, spielte weder für den 1. FC Kaiserslautern noch für Turbine Halle, sondern schrieb als einer der besten Skispringer der Welt und der Beste seiner Zeit Sportgeschichte. Das lag vor allem an seinem langjährigen Trainer Hans Renner, dem das Talent aufgefallen war und der Recknagel zum SC Motor Zella-Mehlis holte.

Ohne Renner wäre vielleicht vieles anders gekommen, sagt Recknagel heute noch. Der sei durch die Dörfer gefahren, habe sich umgeschaut, die Jungs beobachtet, wie sie mit ihren einfachen Skiern die Berge nach unten fuhren, die kleinen, selbstgebauten Schanzen bezwangen, ihre Langläufe bestritten – oder eben auch Fußball spielten. „Ich habe damals alles gemacht, war sogar Bezirksmeister im Langlauf“, ist er noch heute stolz auf seine Vielseitigkeit.

Wenn Recknagel von Renner spricht, wird der Respekt in jedem Moment deutlich. Der habe das Skispringen revolutioniert, als er erstmals Kunststoff-Matten auf die Schanzen legen ließ und somit auch Trainingssprünge ohne Schnee möglich waren. Die Skandinavier beherrschten in den 1950er Jahren zunächst die Szene, sie schienen unschlagbar. Bis sie Helmut Recknagel 1957 am Holmenkollen als erster Mitteleuropäer besiegte – es war der Anfang einer großen Ära, die mit Olympia-Gold 1960 in Squaw Valley, drei Gesamtsiegen bei der Vierschanzentournee und dem WM-Titel 1962 gekrönt wurde.

Weil im Namen Renner gleich zwei R enthalten sind, wird Recknagels Herkunft so richtig deutlich, wenn er von seinem Trainer erzählt. Es scheint fast so, als trete sein Akzent noch stärker hervor, wenn er davon berichtet, wie er in den Sommermonaten nach der Arbeit zum Training ging. Werkzeugmacher hatte er gelernt. „Einen richtigen Beruf eben.“ Und technisch sei er auf der Schanze ganz bestimmt nicht der Beste gewesen. Da hätten ihm andere teilweise einiges vorgemacht. Harry Glaß und Werner Lesser zum Beispiel. Das seien echte Stilisten gewesen. Er, der Olympiasieger und dreimalige Sieger der Vierschanzentournee, nicht? „Ich war vielleicht manchmal ein bisschen verwegener.“ Aber nicht leichtsinnig. Als er 1955 als 17-Jähriger in Garmisch-Partenkirchen springen sollte, spürte er, dass etwas nicht stimmte. Recknagel provozierte seine Heimfahrt, wollte lieber zu Hause trainieren. Eine Frage fehlenden Mutes sei das nicht gewesen, sondern eine der fehlenden Form, hält er Gerüchten entgegen, die sich bis heute halten.

„Ich glaube schon, dass er etwas mehr Mut als andere hatte, als er am Schanzentisch absprang“, sagt Jens Weißflog, der in dem Jahr geboren wurde, als Recknagel abtrat – 1964. Weißflog, ebenfalls Olympiasieger, Weltmeister und viermaliger Gewinner der Vierschanzentournee, hat aber viele Aufzeichnungen von Recknagels Sprüngen gesehen. Wie er sich nach vorne warf, die Arme weit nach vorne streckte und sich ganz lang machte, das nötigt dem Oberwiesenthaler nach wie vor großen Respekt ab. „Dafür braucht man enormes Selbstbewusstsein, und Helmut Recknagel hatte es. Schon wenn er oben nur am Anlauf stand, hatten seine Gegner Respekt.“ Mit seiner Körpersprache habe er gezeigt: Heute gibt’s für euch nichts zu holen.

Recknagels Stil hat auch Hans-Georg Aschenbach beeindruckt, obwohl er den wie Weißflog ebenfalls nie sprang. Jedenfalls nicht im Wettkampf. Im Training schon. „Und da habe ich sofort gemerkt, wie schwierig das ist, nach dem Absprung die Hände nach vorn zu strecken, sich auf die Bretter zu legen und das Gleichgewicht zu halten.“ Wenn das gelang, stand noch die Landung bevor. „Und die“, sagt Aschenbach, „ist leichter, wenn die Hände gewissermaßen an der Hosennaht, also hinten, sind.“ Bei Stürzen sei es viel einfacher, die Kontrolle zu gewinnen. „Wer auf den Hosenboden fällt, versucht sich mit den Händen abzustützen und ist sicher froh, wenn er sie in unmittelbarer Nähe, also am Hintern hat und nicht über dem Kopf.“ Aschenbach wurde im sogenannten Parallelstil einer der erfolgreichsten Skispringer der 1970er Jahre, war ebenfalls Olympiasieger und Vierschanzentournee-Sieger. Als Aschenbach 1974 in Falun zweifacher Weltmeister wurde, schenkte ihm Recknagel eine Uhr. Ein Geschenk von seinem Vorbild. „Das bedeutete mir sehr viel.“ Durch ihn sei er inspiriert worden, Skispringer zu werden. Nachahmen konnte er ihn nicht mehr. Recknagels Sprungstil galt in Aschenbachs Zeit als überholt. „Aber Helmut war der wie auf den Leib geschneidert. Und da war er irgendwie der letzte Mohikaner“, sagt Aschenbach.

Helmut Recknagel fand den anderen Stil vieler seiner Konkurrenten auch recht sehenswert, aber er hatte sich nun mal für die Arme nach vorn entschieden. Mit dem V-Stil der Gegenwart hat er überhaupt kein Problem. Schön oder weniger schön sind für Helmut Recknagel keine Kategorien, bei denen er sich lange aufhält. Bei ihm klingt das schlicht und einfach so: „Nur kühne Sprünge sind auch schöne Sprünge.“

Davon zeigte er mehr als genug. Und zwar bei Wind und Wetter. Die Wind-Diskussion der Gegenwart nervt ihn mitunter. Natürlich habe die Sicherheit der Springer oberste Priorität. Aber es gelte halt zu überlegen, ob die Schanzen immer größer werden müssten. „Beim Skifliegen auf Anlagen um die 160 Meter ist der sportliche Wert ebenso gegeben.“ Und überhaupt: Was werde alles erzählt von schwierigen Windverhältnissen.

Er mag Springer, die Mut zeigen. Auch in schwierigen Situationen. Max Bolkart sei auch so einer gewesen und ein feiner Sportsmann obendrein. Bolkart war gewissermaßen der Recknagel der Bundesrepublik. Mit ihm sprang er 1960 in Squaw Valley in der gemeinsamen deutschen Olympiamannschaft. „Wir haben uns untereinander gut verstanden, die Funktionäre weniger“, sagt Recknagel, der das deutsch-deutsche Team als Fahnenträger zur Eröffnung ins Stadion führte. Eine große Ehre sei das natürlich gewesen. Aber Recknagel ärgert sich noch heute, dass einigen Trainern von DDR-Athleten die Einreise in die USA verweigert wurde. Zu den vorolympischen Wettkämpfen im Jahr zuvor durfte auch er nicht fahren, was ihn noch immer zornig macht. Auch sein möglicher Hattrick bei der Vierschanzentournee wurde ihm 1959/60, in den Hochzeiten des Kalten Krieges, verweigert, als die DDR-Springer nicht starten durften. Bolkart wurde Gesamtsieger. „Er konnte doch nichts dafür, dass wir nicht dabei waren“, sagt Recknagel, der sich im Jahr darauf seinen dritten Tournee-Sieg holte.

Sie hätten sich immer gut verstanden, betont der Oberstdorfer Bolkart mit Blick auf die gemeinsame Zeit. Recknagel und er wäre immer so herangegangen: Wir machen unseren Sport. „Ich kann mich noch erinnern, wie Nagel, so haben wir ihn immer genannt, in Squaw Valley zu mir sagte: Es wäre schön, wenn Ost und West vereint wären.“

Recknagel hatte alles erreicht. Seinen Ruhm hätte er zu viel Geld machen könne, wenn er Anfang der 1960er Jahre dem Angebot eines westdeutschen Sportartikelherstellers gefolgt wäre und die DDR verlassen hätte. Doch er wollte nicht weg und blieb auch deshalb, weil er seine Anhänger nicht enttäuschen wollte. „Schlagzeilen wie ‚Recknagel ein Verräter‘ wollte ich nicht über mich lesen.“ Aschenbach, der 1988 in die Bundesrepublik floh, musste solche Zeilen über sich lesen. Recknagel trat 1964 nach den Olympischen Spielen in Innsbruck ab. Er hatte als Sechster beziehungsweise Siebter nicht noch einmal geschafft, in die Medaillenränge zu springen. „Wie ich da von einigen Funktionären behandelt wurde, das hat mich sehr getroffen. Als seien solche Plätze nichts wert.“

Der Ausnahmespringer zog nach Berlin, studierte Veterinärmedizin, promovierte als Tierarzt und sammelte neue Erfahrungen. „Wenn die Geburt bei einer Kuh kompliziert ist, ist das für den Tierarzt richtig harte körperliche Arbeit.“ Nach 1990 erfuhr er, dass ihn die jugoslawischen Springer gerne als Nationaltrainer verpflichtet hätten. Er hätte wohl nicht gewollt, aber dass ihn der Brief an die DDR-Sportführung nie erreichte, kann er nicht verstehen. „Man muss den Menschen sagen, was Sache ist.“ Im wiedervereinigten Deutschland war Recknagel arbeitslos geworden. Er orientierte sich völlig um und gründete ein Sanitätshaus.

„Arbeit muss sein“, sagt der beste Skispringer seiner Zeit. Bekannte sagen, er werfe sich regelrecht in seine Arbeit. So wie Anfang März 1957 am Holmenkollen, als mit seinem ersten großen Sieg alles begonnen hatte. Bei dichtem Nebel und widrigen Bedingungen. 

Winfried Wächter, Mai 2011


Literatur zu Helmut Recknagel:

Helmut Recknagel: Eine Frage der Haltung. Berlin 2007