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Willi Daume

* 24.05.1913 in Hückeswagen

† 20.05.1996 in München

Gestalter & Denker

Zeitpunkt der Aufnahme 2006

1971: Willi Daume stellt das Olympia-Maskottchen "Waldi" vor (Foto: picture alliance)
1968: Willi Daume bei einem Prominenten-Fußballspiel (Foto: picture alliance)
Als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees holte Daume die Sommerspiele 1972 nach München (Foto: picture alliance)
1972: Willi Daume (rechts) und IOC-Präsident Avery Brundage (USA) bei der Eröffungsfeier im Münchner Olympiastadion (Foto: picture alliance)
Willi Daume: Pragmatiker und Visionär (Foto: picture alliance)
Portrait

Deutschlands einflussreichster Sportfunktionär nach dem Kriege 

Als Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) gab der Sportfunktionär Willi Daume der olympischen Bewegung und dem deutschen Sport entscheidende Impulse. Seinem Einfluss waren nicht nur die gesamtdeutschen Olympiamannschaften von 1956 bis 1964 zuzuschreiben. Daume war auch verantwortlich dafür, dass das IOC in den 80er Jahren seinen Amateur-Paragraphen änderte und Profisportler bei Olympia zuließ. Er holte die Sommerspiele 1972 nach München und zeichnete für das Konzept der „heiteren Spiele“ verantwortlich. 1980 appellierte Daume vergebens gegen den Boykott der Moskauer Spiele. So vielseitig wie in der eigenen Sportkarriere (im Basketball nahm er 1936 an den Olympischen Spielen in Berlin teil, dadurch entging ihm Gold im Feldhandball), so vielseitig waren seine Ämter als Sportfunktionär: 1949 wurde Daume, der 1937 in die NSDAP eingetreten war, Präsident des Handball-Bundes, 1950 des Deutschen Sportbundes. Zeitweise parallel stand er ab 1961 auch dem NOK vor. Daume war der Ideengeber für die Stiftung Deutsche Sporthilfe, die er 1967 mit begründete und deren Vorsitzender er zwischen 1988 und 1991 war.

Erfolge

Ämter im Sport:
› Mitglied im IOC (1956 bis 1991)
› Vizepräsident IOC (1972 bis 1976)
› Präsident Nationales Olympisches Komitee (1961 bis 1992)
› Präsident Deutscher Sportbund (1950 bis 1970)
› Vorsitzender Stiftung Deutsche Sporthilfe (1989 bis 1991)
› Präsident Deutsche Olympische Gesellschaft (1979 bis 1988)
› Vorsitzender Organisationskomitee Olympiade 1972
› Präsident Deutscher Handball-Bund (1949 bis 1955)

Auszeichnungen:
› Olympischer Orden in Gold (1993)
› IOC-Ehrenmitglied (1992)
› Ehrenprofessor Universität Freiburg (1988)
› Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband (1986)
› Ehrenpräsident Deutscher Sportbund
› Ehrenpräsident Deutscher Handball-Bund
› Goldenes Band der Sportpresse (1967)

Biografie

Deutschlands einflussreichster Sportfunktionär nach dem Kriege

Willi Daume war die bedeutendste Führungspersönlichkeit, die der deutsche Sport je hervorgebracht hat. Den Aufstieg an die Spitze hatten dem kleinen, ein wenig eckig wirkenden Mann nur wenige zugetraut. Der bekennende Westfale, der seinen Geburtsort Hückeswagen im Rheinland als Marotte des Schicksals bezeichnete, lud zeitlebens dazu ein, ihn zu unterschätzen. So war ihm nicht anzusehen, dass er einst im Scherensprung die Höhe von 1,82 Meter, elf Zentimeter über seiner Körpergröße, meisterte, was bis ins späte 20. Jahrhundert Rekord seines Vereins Eintracht Dortmund blieb. Und dieses explosive Leistungsvermögen zeichnete ihn auf vielen Feldern aus: im Sport nicht zuletzt als Handballtorwart, der für die Olympischen Spiele von Berlin 1936 zum Basketball-Kader abkommandiert wurde, oder als Tennis-Enthusiast. 

Das vornehm zurückhaltende Auftreten von „Eisen-Daume“, der seit 1938 die vom Vater ererbte Eisengießerei in Dortmund führte, täuschte über seine dezente Härte hinweg, mit der er seine Ziele verfolgte. „Däumling“ wurde der 37-jährige Präsident des Deutschen Handball-Bundes ein wenig abschätzig genannt, als der Kompromisskandidat in der Pattsituation zwischen dem machtvollen Deutschen Fußball-Bund und dem starken Deutschen Turner-Bund 1950 in Hannover zum ersten Präsidenten des Deutschen Sportbundes (DSB) gewählt wurde. Davon war bald nicht mehr die Rede. Denn Daume, der schon als Gaufachwart für Handball von 1944 bis zum Zusammenbruch, nach dem Kriege in verschiedenen Vereinstätigkeiten und von 1949 bis zur Gründung des DSB am 10. Dezember 1950 als erster Schatzmeister des Nationalen Olympischen Komitees Erfahrung gesammelt hatte, formte den DSB konsequent zu einer gesellschaftlichen Kraft. Als großes Verdienst wird ihm angerechnet, dass er, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Prälat Ludwig Wolker, die Spaltung des Sports in der Zeit vor 1933 in bürgerlichen, konfessionellen und Arbeitersport überwand und nach dem Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) eine erste gemeinsame freiheitlich-demokratische Organisation schuf.

Dies setzte auch bei Daume einen Wandel der Überzeugung voraus. Denn während des Dritten Reichs hatte er den Sport noch als Beitrag zur militärischen Ertüchtigung propagiert. In einem Entnazifizierungs-Verfahren wurde das NSDAP-Mitglied (seit 1937) als „unbelastet“ eingestuft. Als Unternehmer hatte er sich freilich opportunistisch mit dem NS-Regime arrangiert und ökonomisch davon profitiert, dass er in seiner Eisenfabrik als Rüstungsbetrieb Zwangsarbeiter beschäftigte. 

Guido von Mengden als erster DSB-Geschäftsführer und späterer Generalsekretär schrieb seinem Präsidenten brillante Reden und war der geistige Vater von Aktionen wie dem Zweiten Weg und Programmen für einen besseren Schulsport. Zugleich stellte das Engagement des früheren Generalreferenten von Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten und Stabsleiters des NSRL eine politisch-moralische Belastung dar, wiewohl der Dürener sich laut Kennern der Szene ebenso zum Demokraten gewandelt haben soll wie sein Nachfolger, der verdienstvolle Karlheinz Gieseler, der als Neunzehnjähriger Untersturmführer der Waffen-SS war.

Mit seinem Einzug in das Internationale Olympische Komitee (IOC), dem er bis 1991 angehörte und zu dessen Vizepräsidenten er aufstieg, begann 1956 die olympische Karriere Daumes. 1961 rückte er als Nachfolger Karl Ritter von Halts an die Spitze des NOK, das er 31 Jahre lang führte. Besonders der Kampf mit den Politprofis der DDR um die Modalitäten der gesamtdeutschen Olympia-Mannschaft forderte ihm bis zu den Sommerspielen von Tokio 1964 einen hohen Einsatz ab. 1965 gestand das IOC auf seiner Session in Madrid der DDR ein eigenes Olympiateam zu. Es gehörte zum Wesen Willi Daumes, dass er aus der Tragik Funken der Hoffnung schlug. Damals zündete seine Idee, die Olympischen Spiele in die Bundesrepublik zu holen. Im Frühjahr 1966 wählte das IOC München gegen die Mitbewerber Detroit, Madrid und Montreal zum Austragungsort der Sommerspiele 1972.

Als Organisationschef setzte der „Olympier“, wie er alsbald respektvoll genannt wurde, seine volle Energie für dieses gewaltige Projekt ein und gab 1970 notgedrungen das Amt des DSB-Präsidenten ab. Heitere Spiele wurden es bis zum Tag des Terroranschlags, die sich menschlich wie optisch in gefälliger Harmonie entfalteten. Daume hatte für das Design seinen Freund Otl Aicher gewonnen, der zu leichten Farben, einem zarten Blau, einem luftigen Grün, einem eleganten Silber griff und mit den olympischen Piktogrammen ein bis auf den heutigen Tag gängiges graphisches Esperanto schuf. Über der neu geschaffenen Olympialandschaft im zuvor desolaten Münchner Norden schwebte die Zeltdacharchitektur Günter Behnischs. Das Ensemble entsprang der Vision Daumes als Kunstkenner, Freund der Musik und Literatur, die Olympischen Spiele der Welt als Gesamtkunstwerk zu präsentieren. Ein Konzept, in der sich die Weite seines Denkens mit seinem Detail versessenen Perfektionsdrang verband. 

Das Attentat auf die israelische Mannschaft zerstörte den olympischen Frieden und damit Daumes idealistische Absicht, der Welt das Bild von einem neuen, besseren Deutschland zu zeigen. Nicht zuletzt der Hauptverantwortliche für die Spiele musste nun mit dem Vorwurf und seinem Zweifel leben, ob er nicht fahrlässig mit der Sicherheit der Gäste umgegangen war. Die moralische Bürde lastete schwer auf ihm, dass ausgerechnet jüdische Menschen auf deutschem Boden durch Gewalt ihr Leben verloren. 

Die Ambivalenz des Schicksals blieb Willi Daumes Wegbegleiter. 1980 wäre er gerne als Nachfolger von Lord Killanin IOC-Präsident geworden. Doch nur fünf Stimmen entfielen auf ihn, während Juan Antonio Samaranch mit überwältigender Mehrheit gewählt wurde. In den Augen des Deutschen war sein (wohl auch sonst nicht zu vermeidender) Misserfolg die Quittung für den Olympiaboykott der Moskauer Spiele, für den sich sein NOK auf politischen Druck entschieden hatte – gegen den verzweifelten Kampf seines Präsidenten. 

Den dunklen Stunden folgte ein Jahr später das Hoch des Olympischen Kongresses von Baden-Baden, wo sich die gespaltene Sportwelt wiedervereinte, als hätte es den Boykott nicht gegeben. Der charismatische Vater der Münchner Spiele hatte dieses bedeutendste Forum der Olympischen Bewegung mit dem Geist und dem Design von 1972 inspiriert. Es war seine Idee, den Athleten, an der Spitze Thomas Bach, seinem Nachfolger im IOC und Nachfahren beim Deutschen Olympischen Sportbund, erstmals Rederecht einzuräumen. Da wehte ein frischer, jugendlicher Wind durch die Konferenzräume. Aus dieser Initiative entstand dann die Athletenkommission des IOC. 

Baden-Baden 1981 markierte nicht zuletzt die Öffnung der Olympischen Spiele für Berufssportler. Auch hier lebte Daume im Zwiespalt. Denn er sah die Gefahr der totalen Kommerzialisierung, die Samaranch betrieb, besorgte aber als Vorsitzender der IOC-Zulassungskommission mit der Abschaffung des Amateurparagraphen das Geschäft des Spaniers. Andererseits war auch seiner Meinung nach die brüchige Bastion des verlogenen Amateurismus’ nicht länger zu halten.

Wo immer Not am Mann war, sprang er ein, ob als Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft oder als Vorsitzender der Sporthilfe, die er einst begründet und deren Motor Josef Neckermann er „erfunden“ hatte. Unter seinem Einsatz für den Sport litt die Familie mit seiner Frau Rosemarie, Tochter Doreen und Sohn Kay sowie das Unternehmen, für das er 1993 Vergleich anmelden musste. Die Folge: Aus der einstigen finanziellen Unabhängigkeit wurde Armut, die nur durch wohltätige Hilfen gelindert wurde. Als er, vielleicht zu spät, von seinen Ämtern ließ, wirkte der Krawattenmann und Ferrari-Fahrer von einst verbittert und einsam. Am 20. Mai 1996, kurz vor seinem 83. Geburtstag, erlag Willi Daume in München einem Krebsleiden. Die Ernte seines Schaffens war da längst eingefahren. Sie hätte für mehrere Leben gereicht.


Steffen Haffner


Literatur zu Willi Daume:

Hubert Dwertmann, Lorenz Peiffer: Willi Daume, eine Bibliographie seiner Schriften, Reden und Interviews. Köln 2001