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Sepp Herberger

* 28.03.1897 in Mannheim-Waldhof

† 28.04.1977 in Mannheim

Fußball

Zeitpunkt der Aufnahme 2008

Sepp Herberger (Mitte) und die Nationalmannschaft bei der WM-Vorbereitung im Februar 1954 in Frankfurt am Main (Foto: picture alliance)
Herberger führt die Nationalmannschaft in 162 Länderspielen (Foto: picture alliance)
"Der Ball ist rund", unvergessliche Fußballweisheiten des Sepp Herbergers (Foto: picture alliance)
"Der nächste Gegner ist immer der schwerste" (Foto: picture alliance)
Der Weltmeistertrainer wird auf den Schultern der Fans getragen (Foto: picture alliance)
Der Trainer und sein Spielführer: Sepp Herberger (l.) und Fritz Walter mit dem WM-Pokal 1954 (Foto: picture alliance)
"Fußball-Philosoph" mit schlichten Wahrheiten (Foto: picture alliance)
"Das Wunder von Bern" machte Herberger zu einer nationalen Legende (Foto: picture alliance)
Portrait

Der Vater des Wunders von Bern 

Sepp Herberger war eine der faszinierendsten Figuren des deutschen Fußballs. Als Bundestrainer formte er eine Mannschaft, die bei ihrer ersten WM-Teilnahme nach dem 2. Weltkrieg 1954 in der Schweiz sensationell den Titel gegen Ungarn gewann. Der 3:2-Endspielerfolg, das „Wunder von Bern“, wurde später oft als eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik bewertet. Herberger führte die Nationalmannschaft von 1936 bis 1942 als Reichstrainer und von 1950 bis 1964 als Bundestrainer – in insgesamt 162 Länderspielen (92 Siege / 26 Unentschieden / 44 Niederlagen). Neben sportlichen Erfolgen machte der „Fußball- Philosoph“ durch schlichte Wahrheiten auf sich aufmerksam, die schnell in aller Munde waren. Etwa: „Der Ball ist rund“, „Der nächste Gegner ist immer der schwerste“ oder „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“. Biografen kamen zu dem Schluss, das Leben des in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen Herbergers sei „ein Bildungsroman“ und „die Geschichte eines grandiosen sozialen Aufstiegs“, zu dem vor allem Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen beitrugen.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Weltmeister 1954
› WM-Vierter 1958
› Als Spieler Süddeutscher Meister 1925

Auszeichnungen:

› Sportjournalisten-Wahl zur Fußball-Größe des Jahrhunderts (1999)
› Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost (1997)
› ICE „Seppl Herberger“ zwischen Hamburg und Zürich (1997)
› Sonderstempel der Bundespost (1977; vorher nur für die Bundeskanzler Adenauer
und Brandt)
› Großes Bundesverdienstkreuz zum Verdienstorden (1967)
› DFB-Ehrenmitglied (1964)
› Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (1962)
› Goldene Verdienstnadel des DFB (1957)
› Silbernes Lorbeerblatt (1954)
› Goldene Ehrennadel des DFB (1954)
› Silberne Sportplakette der Stadt München (1954)
› August-Bier-Plakette als Jahrgangsbester der Diplom-Sportlehrer (1930)
› Ehrenbürger von Hohensachsen
› Goldenes Band der Sportpresse (1963)

Biografie

Der Vater des Wunders von Bern

Er war Reichstrainer von 1936 bis 1942, Bundestrainer von 1950 bis 1964, er durchlebte kritische Jahre und stolze Tage und Wochen, nahm Niederlagen und Rückschläge, aber auch Erfolge, Siege und Triumphe mit fast stoischer Gelassenheit – nach außen. Nichts konnte ihn aus der Bahn werfen. Herberger wörtlich: „Wenn man mich in den Himmel heben wollte, bin ich auf dem Boden geblieben, und wenn wir Schläge bekommen haben, dann habe ich nicht nach faulen Ausreden gesucht.“ Seine zeitlose Popularität fußt auf dem „Wunder von Bern“, als Deutschland am 4. Juli 1954 in der Schweiz zum ersten Mal eine Fußball-Weltmeisterschaft gegen die Top-Favoriten aus Ungarn, die vier Jahre lang in 32 Spielen unbesiegt geblieben waren, gewonnen hat. Fußball war an diesem Tag für die Deutschen in West und Ost mehr als ein Spiel um den WM-Titel, wirkte wie ein unpolitisches Befreiungssignal mit dem Nachhall-Slogan „Wir sind wieder wer“ und der Besitz ergreifenden Mitbestimmung in allen Gesellschaftsschichten: Wir, wir sind Weltmeister. Eine Euphorie rauschte im Westen durch das Land. Emotionen ohne Ende entfachten Begeisterungsstürme in allen Bereichen und Schichten mit und ohne engere Beziehung zum Fußball. Im Osten musste man sich mit der Flüsterfreude „Die Unseren sind Weltmeister“ bescheiden, vermittelt von Haus zu Haus, von Freund zu Freund, von Familie zu Familie. Für neunzig Minuten schien das geteilte Deutschland ohne Politik im lauten und leisen Jubel geeint.

Sie nannten ihn Macher und Magier, sie hatten ihn vor dem 54er-Turnier als Diktator und Despot mit autoritärem Stil und Gehabe kritisiert. Der Alte von der Bergstraße dazu: „Ich war nie autoritär, aber ich besaß Autorität.“

„Der Spiegel“ widmete ihm nach dem Berner WM-Triumph die erste Sport-Story des Magazins als Titelgeschichte: „Der sanfteste Tyrann“. Diese Charakterisierung hat ihm damals nicht behagt. Im Freundeskreis mäkelte er in seinem kurpfälzischen Dialekt mit dem sympathischen Singsang in der Stimme, einem Markenzeichen des raffinierten Rhetorikers: „Tyrann hat mer nadierlich net gefalle, aber das relativierende Beiwort ‚sanft’ war schon wider versöhnlich zu lese. Na, ja…“ Auf die Frage des Autors, ob er denn Feldwebel oder Feldherr sei, belehrte er ihn: „Nicht oder - und!“

Wenn es um Psychologie in der Mannschaftsführung ging, profitierte er in erster Linie von seiner Menschenkenntnis und Menschenbehandlung. Der Perfektionist dazu: „Das sind zwei Voraussetzungen, die man schwerlich aus Lehrbüchern herauslesen kann. Es kommt darauf an, dass man sie mitbringt. Man darf sich aber nicht rühmen, wenn man sie hat; man muss dem Herrgott dankbar sein, dass er sie einem mitgegeben hat.“

Das Modewort Motivation im Umgang mit jungen Menschen war ihm fremd, doch seine Einzelgespräche mit den Spielern dienten ausschließlich der psychologischen Einstellung auf das Ereignis. In der Sprache der heutigen Zeit war vorher jeder sein „Matchwinner“. So soll er vor dem WM-Finale 1954 Werner Liebrich beim Spaziergang (!) klargemacht haben: Wenn er Puskas in den Griff bekomme, könne nichts schief gehen. „Dann haben Sie, Werner, das Spiel allein gewonnen.“ Zu Fritz Walter im Vertrauen: „Ihr Spiel, Fritz! Sie entscheiden es, weil Sie in Höchstform sind.“ Hinterher stellten mindestens fünf Akteure fest, dass er jeden von ihnen unterwegs im Alleingang als entscheidende Figur herausgedeutet hatte. Kein simpler Trick, sondern Stärkung des Selbstbewusstseins, Paradebeispiel für Herbergers Suggestivkraft bis hin zur Willensübertragung auf den Akteur. Die Malocher von damals waren wohl leichter zu führen und zu lenken als die Millionäre fünfzig Jahre später.

Er war gewiefter Taktiker vor, während und nach dem Spiel. Grundsätze und Maßstäbe vermittelte er im freien Vortrag, druckreif formuliert. Seine Auffassungen müssten manchen Motivationskünstler von heute nachdenklich stimmen: „Ein guter Trainer rennt nicht optisch wirkungsvoll an die Auslinie und schreit taktische Änderungen ins Spielfeld hinein. Ich bin niemals mit dem Tor-Ruf auf den Lippen aufgesprungen. Wenn ich eine Mannschaft auf das Feld geschickt habe, dann war erstens alles besprochen und zweitens nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet. Als Trainer muss man sich in der Gewalt haben. Ich habe Fußballspiele stets mehr mit dem Verstand als mit dem Gefühl gesehen.“

Fußball war sein Leben. Als Reichstrainer hatte er seine Schwierigkeiten mit der Politik. Er war Mitglied in der Nazi-Partei geworden und soll später zur Entschuldigung gesagt haben: „So wie man zuweilen Mitglied in einem Verein wird.“ Politische Aktivitäten waren ihm nicht nachzuweisen, aber er war eben Repräsentant der „großdeutschen“ Nationalmannschaft, hat nachweislich die Spieler niemals ideologisch beeinflusst, politisch geschult oder „militärisch trainiert“. Seine große Sorge galt riskanten Fronteinsätzen der Nationalspieler, die er am liebsten in der Heimat gesehen hätte.

Jürgen Leinemann („Der Spiegel“) nennt diese Aktivitäten in der Biografie („Sepp Herberger – ein Leben – eine Legende“) Aktion Heldenklau. „Solche Aktionen mussten so unauffällig wie möglich vonstattengehen. Der Reichstrainer hatte Angst, es könnte zu Getuschel über „Herbergers Wanderzirkus“ kommen. Als im November 1942 in der Presse Meldungen auftauchten, dass Herbergers Spieler nicht an die Front, sondern in die Heimat zurückgekehrt seien, fürchtete er ernste Folgen. – Keine Frage, dass er für seine Männer viel riskierte. Es machte ihm aber Freude, riskant zu handeln. Nach außen mochte er die Motive und Abläufe seines Tuns verdecken, sich selbst versteckte er nie.

Fußball war sein Leben, doch die Politik war auch schon vor dem Krieg bei der WM 1938 in Frankreich mitbestimmend im Spiel. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das „Altreich“ wurde Herberger gezwungen (nicht nur überredet), eine „großdeutsche“ Elf im Verhältnis 6:5 oder 5:6 im ersten Spiel gegen die Schweiz zu benennen. Herbergers Widerstand, mit fachlichen Überlegungen begründet, die Spielsysteme würden nicht zueinander passen, denn das Technik-Übergewicht der Österreicher ließe sich mit Taktik-Überlegungen der Reichsdeutschen nicht kombinieren, überzeugte nicht. Eine Harmonie aus Badenweiler Marsch und Wiener Walzer sei nicht denkbar, soll er prophezeit haben. Aber Felix Linnemann, erst DFB-Präsident, dann zur Nazizeit Leiter des Fachamtes Fußball, schlug sportliche Argumente mit einer politischen Parteiparole aus: „Die Geschichte erwartet das von uns, Seppl. Sind Sie verrückt, der Reichsführer (Anm. v. Tschammer und Osten) wünscht ein 6:5 oder 5:6!“ Und so nahm die Sache ihren Lauf: Die deutsch-österreichische (Zwangs-)Kombination scheiterte am Schweizer Riegel nach einem 1:1-Unentschieden in der Verlängerung und mit einer 2:4-Niederlage im Wiederholungsspiel. Wie angeordnet waren zweimal sechs Österreicher und fünf Reichsdeutsche, aber in veränderter Nominierung, am Debakel beteiligt. „60 Millionen Deutsche spielen in Paris“, hatte das NS-Partei-Blatt „Völkischer Beobachter“ auf der Titelseite posaunt. Eine Schweizer Zeitung schrieb zurück: „60 Millionen Parteigenossen – uns genügen elf Eidgenossen.“ Herberger war in Bitternis zerknirscht. Er hatte gewarnt und war selbst gewarnt worden. Weil er alle Probleme um die Konstellation gewusst hat, ist er an dem Fehlstart nicht zerbrochen, aber in seinen Notizen ist nachzulesen: „Ich: so einsam und verlassen auf einem hohen Felsenrand.“

Der 54er-Triumph ist legendär, und Herberger mit seiner Mannschaft seit dieser Zeit die große Legende des deutschen Fußballs. Er hat mit diesem stolzen Kapitel der deutschen Sportgeschichte den Fußball in allen Schichten unserer Gesellschaft zum Tagesthema gemacht und ihm über Jahrzehnte zu einem neuen Stellenwert verholfen. Nichts kann seine Verdienste um den deutschen Fußballsport schmälern, auch nicht der vierte Platz bei der WM 1958 in Schweden und das Aus im Viertelfinale des Weltturniers 1962 in Chile. 

Rudi Michel, Mai 2008


Literatur zu Sepp Herberger:

Karl-Heinz Schwarz-Pich: Der Ball ist rund. Eine Seppl Herberger-Biographie, Ubstadt-Weiher 1996

Eva Ludwig, Melanie Kabus: Sepp Herberger und das Wunder von Bern. Augsburg 2003

Jürgen Leinemann: Sepp Herberger. Ein Leben, eine Legende. München 2004

Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz. Frankfurt/M. 2005