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Fritz Walter

* 31.10.1920 in Kaiserslautern

† 17.06.2002 in Enkenbach-Alsenborn

Fußball

Zeitpunkt der Aufnahme 2008

Ungarns Kapitän Puskas (rechts) gratuliert Fritz Walter zum WM-Titel (Foto: picture alliance)
Fritz Walter: Kapitän der Fußball-Weltmeister von 1954 (Foto: picture alliance)
1951 und 1953 wird Walter mit dem 1. FC Kaiserslautern Deutscher Meister (Foto: picture alliance)
Fritz Walter: Erster Ehrenspielführer der Nationalmannschaft (Foto: picture alliance)
Verdienstorden des Fußball-Weltverbands FIFA (Foto: picture alliance)
Walter absolviert insgesamt 61 Länderspiele (davon 30 als Kapitän, 33 Tore) (Foto: picture alliance)
1999 wird die Fritz-Walter-Stiftung gegründet, die u.a. der Förderung der allgemeinen sportlichen Jugendarbeit dient (Foto: picture alliance)
Regen und Fußball: "Fritz-Walter-Wetter" (Foto: picture alliance)
Firtz Walter 1998 (Foto: picture alliance)
Portrait

Kapitän der Fußball-Weltmeister von 1954 

Der Kapitän der Fußball-Weltmeistermannschaft von 1954 war eine der populärsten deutschen Sport-Persönlichkeiten. Der Mittelfeldspieler bestritt von 1940 bis 1958 insgesamt 61 Länderspiele, in denen er 33 Tore erzielte. Seinen größten Triumph feierte Fritz Walter bei der WM 1954 in der Schweiz. Als Kopf und Seele der Nationalelf wurde er nach dem 3:2 im Endspiel gegen Ungarn („Das Wunder von Bern“) zur Legende. Der erste Ehrenspielführer der Nationalmannschaft galt als ein Idol mit außergewöhnlichem fußballerischen Können und großer charakterlichen Stärken: Fair, bescheiden, aufrichtig. Auf nationaler Ebene feierte Walter mit dem 1. FC Kaiserslautern Erfolge, darunter 1951 und 1953 die Deutsche Meisterschaft. Er spielte ab 1930 in der Jugend und ab 1938 bei den Senioren fast 1.000-mal für den 1. FCK und erzielte dabei die für einen Mittelfeldspieler herausragende Quote von ebenso vielen Toren. Statistisch erfasst sind davon 384 Punktspiele und 327 Tore. Trotz hoch dotierter Angebote aus dem Ausland blieb Fritz Walter Kaiserslautern treu und beendete hier 1959 seine Laufbahn. Später engagierte er sich bis 1997 als Repräsentant der Sepp-Herberger-Stiftung für die Resozialisierung Strafgefangener. 1999 gründeten das Land Rheinland-Pfalz, der Deutsche Fußball-Bund und der 1. FC Kaiserslautern die Fritz-Walter-Stiftung, die talentierte Jugendliche fördert und zur gesellschaftlichen Integration junger Menschen beiträgt.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Weltmeister 1954
› WM-Vierter 1958
› 61 Länderspiele (davon 30 als Kapitän, 33 Tore)
› Deutscher Meister 1951 und 1953 mit dem 1. FC Kaiserslautern

Auszeichnungen:
› Erster Ehrenspielführer der Nationalmannschaft (1958)
› Ehrenbürger von Rheinland-Pfalz (2000)
› Fritz-Walter-Stiftung (1999)
› Goldene Plakette der Stadt Kaiserslautern (1998)
› Goldene Ehrennadel mit Brillanten des 1. FC Kaiserslautern (1998)
› Verdienstorden des Fußball-Weltverbands FIFA (1995)
› Ehrenbürger von Kaiserslautern (1985)
› Namensgeber für Stadion in Kaiserslautern (1985)
› Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern (1975)
› Goldene Ehrennadel des DFB (1955)
› Silbernes Lorbeerblatt (1953 als erster Fußballer; als einziger Sportler dreimal geehrt)
› Goldenes Band der Sportpresse (1962)

Biografie

Kapitän der Fußball-Weltmeister von 1954

Lange Zeit hat Fritz Walter sich bedauert – und seine Freunde stimmten in das Bedauern ein. Er sagte, er sei zu früh geboren. Zwanzig Jahre zu früh, oder gar 25 Jahre. Weil er zu früh geboren war, konnte ihn das Fußballspiel nicht reich machen – ihn, den Bankangestellten. Nicht steinreich, aber schließlich doch wohlhabend. Als er Weltmeister wurde, 1954 in der Schweiz, 3:2 gegen die übermächtigen Ungarn, zahlte ihm der Deutsche Fußball-Bund – ihm und den anderen „Helden von Bern“ – eine Siegprämie von 2500 Mark. Außerdem gestattete man Fritz Walter, als Geschenk eine Polstergarnitur für das heimische Wohnzimmer anzunehmen – ohne, dass er in die Gefahr geriet, ein Profi zu sein.

Zwanzig Jahre später wurden Franz Beckenbauer oder Wolfgang Overath richtige Millionäre. Sie hatten die Weltmeisterschaft 1974 gewonnen und Fritz Walter seufzte mitunter: Zu früh geboren! Er hatte so gut gespielt wie seine Nachfolger – wahrscheinlich sogar besser, weil er zwei Jahrzehnte vorher schon so gut war wie sie.

Sie waren zu Hause fünf Kinder, der schmale Friedrich, zu dem jeder Fritz sagte, war der Älteste. Es folgten Ludwig, Gisela, Ottmar und Sonja. Ottmar gehörte ebenfalls zu der Weltmeister-Elf von 1954. Der Vater war Wirt des Vereinsheims des 1. FC Kaiserslautern. Der kleine Fritz kam in die Schülermannschaft des FV Kaiserslautern, der sich später mit Phönix Kaiserslautern zum 1. FC zusammentat. Fritz Walter war siebzehn Jahre alt, als er in die 1. Mannschaft kam. Als Stürmer mit der Nummer 8 auf den Rücken – heute würde man ihn als Mittelfeldspieler bezeichnen. Daneben machte er eine Lehre als Bankkaufmann.

Als der Krieg begann, kam er nach Frankreich, Sardinien und Korsika und hatte das Glück, einflussreiche Fürsprecher zu besitzen. Fußball spielte er bei der Soldaten-Mannschaft „Rote Jäger“. Er geriet in Rumänien in sowjetische Gefangenschaft, wo er den Bruder Ludwig traf. Es ergab sich, dass der Lagerkommandant ein Fußball-Fan war, der den beiden Walters die Reise nach Sibirien ersparte. Im Oktober 1945 kehrten sie nach Kaiserslautern zurück.

Als der Spielbetrieb im Fußball wieder begann, sprach man bald auch im Ausland von der Walter-Elf. Es kamen Angebote aus Italien und aus Frankreich. Racing Paris, damals eine der ersten Adressen in Europa, bot ein Handgeld von einer Viertelmillion Mark, Atletico Madrid garantierte für eine Zweijahresvertrag eine halbe Million. Er blieb dem Betzenberg treu. Er heiratete die Italienerin Italia Bortoluzzi, Sepp Herberger war sein Trauzeuge. Da er sich im Stadion zu sehr aufregte, ließ er sich nur von seiner Frau über Spielverlauf und Tore unterrichten. Die Ehe blieb kinderlos.

1956 gab es eines der seltenen Freundschaftsspiele gegen ein Team aus der DDR, dem Wismut Aue, das die Lauterer 5:3 gewannen. Dabei erzielte Fritz Walter so etwas wie ein „Tor des Jahrhunderts“: Er hatte sich nach vorne fallen lassen und den Ball mit der Hacke über den Kopf in den Torwinkel bugsiert. Zwischen 1938 und 1959 bestritt er 384 Punktspiele für den 1. FC Kaiserslautern und erzielte dabei 327 Tore. Bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden wurde er von dem schwedischen Abwehrspieler Parling grob zusammengetreten und schwer verletzt. Er beendete damit nach 61 Länderspielen mit 33 Toren seine internationale Laufbahn. Er wurde als Erster zum Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft ernannt. Das Stadion in Kaiserslautern trägt heute seinen Namen, genauso wie eine Schule, eine Straße, eine Stiftung, ein Jugendturnier. Das „Stammhaus Walterelf“ ist eine Gaststätte in der Innenstadt – sein Geburtshaus. Man gab ihm die Ehrenbürgerschaft, das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik und viele Auszeichnungen mehr.

Es mag sein, dass ein Fritz Walter, der zwanzig Jahre früher geboren wurde, viel mehr Geld verdient hätte. Aber als er später in die Jahre kam, in denen man das Leben nachkartet, hat er selber entdeckt, dass er dem Fußballspiel mehr zu verdanken hat als ein bequemes Leben. Durch dieses Spiel hat er mindestens zweimal das Leben selbst geschenkt bekommen. Das war zunächst einmal, als er – der schmächtige Neunzehnjährige – den Gestellungsbefehl bekam und zur Infanterie eingezogen wurde. Auch unter den Machthabern gab es nämlich Anhänger des Fußballspiels, die den frisch gebackenen Nationalspieler für Zwecke einzusetzen gedachten, die weit friedlicher waren. Im Auftrag des Propagandaministeriums gab es noch Länderspiele bis Ende 1942. Danach allerdings war es damit vorbei.

Aber es gab noch den fußballverrückten Fliegeroffizier Graf, Träger des Ritterkreuzes und Geschwaderchef – er holte sich aus allein Einheiten die besten Spieler und ließ sie als die „Roten Jäger“ spielen. Es war so etwas wie eine Frontbetreuung, die anderswo von der Film-Prominenz wahrgenommen wurde, um die Soldaten bei Laune zu halten.

In der Gefangenschaft gibt es ein Fußballspiel zwischen der Wachmannschaft und jenen Lazarett-Insassen, die laufen konnten. Fritz Walter fällt auf und muss nicht in den Zug nach Osten steigen. Es ist ein weiteres Mal, dass ihm das Spiel auf jeden Fall eine lange Gefangenschaft ersparte, vielleicht sogar das Leben rettete. In solchen Stunden, in denen er daran dachte, hat er überlegt, dass ihm das Fußballspiel mehr als Geld gegeben hat.

Fritz Walter hat überlebt, und als er neun Jahre später Weltmeister wurde, war er bereits 34 Jahre alt und oft von Verletzungen und Krankheiten geplagt. Seine Geschichte verdichtet sich zu einer der Legenden, die den Deutschen Wille und Hoffnung, Kraft und Mut wiedergaben. Fritz Walter, einer aus der Kriegsgeneration, der durchgekommen ist, gesund und ehrenhaft, der dazu beitrug, die rauchenden Ruinen wegzuräumen, frierend und hungrig, auch bescheiden und energisch. Fritz Walter gerät zur ersten Symbolfigur des neuen Anfangs, des wiedergewonnenen Stolzes. Weltmeister Fritz Walter hat ein ganzes Volk fühlen lassen, dass die Freude am Leben zurückkehrt. Sie haben ihm das nie vergessen. Noch Jahrzehnte später schrieb er Autogramme bis die Nackenmuskeln schmerzten – man zitierte ihn und lud ihn immer wieder in die Programme des Fernsehens. Er reiste durch das Land als Werbemann für ein halbes Dutzend angesehene Firmen – wohlhabend ist er schon geworden im Lauf der Zeit, wenn auch kein Millionär.

Man hat ihn geliebt, weil er das Symbol eines neuen Lebens nach der Katastrophe war. Der erste Fernsehapparat, das erste Auto, die erste Reise, der erste Sekt, auch die Pakete in die „Sowjetzone“ – das alles ist Fritz Walter gewesen. In Jugendstrafanstalten erzählt er von seinen Spielen, von den Toren, von sich selbst. Er lebt, wie die Menschen glauben, leben zu wollen. Fleißig sein, Erfolg haben, Glück erleben, ein klein wenig Luxus – auch ein bisschen Anteilnahme für den Nachbarn, dem es vielleicht ein bisschen weniger gut geht. Deshalb hat man ihn nicht nur verehrt, sondern geliebt. Das, was man heute einen Star nennt, ist er nicht geworden. Auch dafür wurde er zu früh geboren. Man ist sich nicht ganz sicher, ob er damit tatsächlich viel versäumt hat. 

Ulrich Kaiser, Mai 2008


Literatur zu Fritz Walter:

Rudi Michel: Fritz Walter – Die Legende des deutschen Fußballs. Stuttgart 1995

Fritz Walter: 3:2 – Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! München 2004

Frank Goosen (Hrsg.), Manfred Breuckmann: Fritz Walter, Kaiser Franz und wir – Unsere Weltmeisterschaften. München 2006

Fritz Walter: So habe ich’s gemacht. Meine Fußballschule. München 1968