Sport schreibt
Geschichte.

Willkommen zu einer einzigartigen Zeitreise.

Mitglieder nächstes Mitglied zur Übersicht

Alfred Schwarzmann

* 23.03.1912 in Fürth

† 11.03.2000 in Goslar

Turnen

Zeitpunkt der Aufnahme 2008

Alfred Schwarzmann galt als "Turner des Jahrhunderts" (Foto: picture alliance)
Alfred Schwarzmann 1936 in Berlin während seiner Bodenübung (Foto: picture alliance)
Portrait

Erfolgreichster deutscher Turner 

Bei den Olympischen Spielen 1936 holte der Kunstturner Alfred Schwarzmann drei Goldmedaillen: im Pferdsprung, im Mehrkampf und im Mehrkampf mit der deutschen Mannschaft. Außerdem gewann er in Berlin Bronzemedaillen am Reck und am Barren. Als einzigem Turner gelang es ihm, alle zwölf Übungen mit einer Wertung von über 9,0 Punkten abzuschließen. Bei seinen zweiten Olympischen Spielen nach dem Krieg 1952 in Helsinki holte Schwarzmann als 40-Jähriger noch einmal Silber am Reck, damals eine Sensation, denn neben dem Alter hatten auch Verletzungen und Gefangenschaft im Krieg ihn nicht stoppen können. Mit seinen Medaillen ist Schwarzmann bis heute der erfolgreichste deutsche Kunstturner bei Olympischen Spielen. Eine zehnköpfige Experten-Jury wählte ihn 1999 zu Deutschlands Turner des 20. Jahrhunderts. Als Bundeslehrwart des Deutschen Turner-Bundes, als Kampfrichter und als Landeslehrwart in Niedersachsen stellte der Sportlehrer später sein Wissen dem Turnernachwuchs zur Verfügung.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Olympia-Gold im Zwölfkampf 1936
› Olympia-Gold im Pferdsprung 1936
› Olympia-Gold im Mannschafts-Mehrkampf 1936
› Olympia-Silber am Reck 1952
› Olympia-Bronze an Reck und Barren 1936

Auszeichnungen:
› Wahl zu „Deutschlands Turner des 20. Jahrhunderts“ (1999, Sportmagazin Kicker)
› Jahn-Plakette des Deutschen Turner-Bundes (höchste DTB-Auszeichnung, 1982)
› Bundesverdienstkreuz (1972)
› Silbernes Lorbeerblatt (1952)

Biografie

Erfolgreichster deutscher Turner

Es ist sicherlich nicht falsch, wenn man dem Alfred Schwarzmann zwei völlig verschiedene Leben nachsagt: Da ist einmal ein Mann, der sein Leben als Turner lebte – und das von Kind auf an bis zum reifen Alter eines Vierzigjähren auf allerhöchstem Niveau. Und dann ist da das andere Leben des Alfred Schwarzmann, in dem er Soldat wurde, schwer verwundet an vielen Schauplätzen des furchtbaren Krieges. Er gehörte zu jener Generation von jungen Männern in Deutschland, die wenigstens überlebten – bei ihm war es mehr als nur das Überleben, denn er brachte es fertig, danach wieder höchste olympische Ehren zu gewinnen.

Es gibt da eine Geschichte, die der Leipziger Olympiasieger von 1972 in München, Klaus Köste, erzählt. Köste schwärmte als Junge für den Turner Schwarzmann – aber mit dem Schwarm war es vorbei, als der Junge aus der DDR erfuhr, dass Schwarzmann als hoch dekorierter Offizier ein „Kriegsheld des Faschismus“ war. Köske wandte seine Sympathie dann dem sowjetischen Turn-Olympiasieger Viktor Tschukarin zu. Es dauerte bis zum Sommer 1990, als im Gewandhaus in Leipzig ein Treffen der Olympiasieger im vereinigten Deutschland stattfand – Alfred Schwarzmann und Klaus Köste trafen sich und daraus wurde eine feste Freundschaft. Köske: „Beschämt musste ich feststellen, dass ich durch meine pauschale Vorverurteilung diesem bewunderungswürdigen Menschen schwer Unrecht getan hatte.“

Er kam aus einem Haus, in dem die Turnerei eine feste Größe darstellte. Sein Vater war Oberturnwart des Turnvereins 1860 Fürth, so dass sich alle anderen Verbindungen von allein ergaben. Er war gerade achtzehn Jahre alt, als er beim Bayerischen Turnfest 1930 seinen ersten Sieg feierte. Ein Jahr später nahm er zum ersten Mal an den deutschen Meisterschaften teil und belegte im Mehrkampf den elften Rang. 1934 kam die erste deutsche Meisterschaft im Zwölfkampf. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erhielt er drei Goldmedaillen – mit der Mannschaft, im Zwölfkampf und beim Pferdsprung. Bronze erhielt er am Reck und am Barren, an den Ringen wurde er Vierter.

Alfred Schwarzmann trat am 1. April 1935 der 13. Kompanie des Nürnberger Infanterie-Regiments bei, wo er vor allem die Möglichkeit erhielt, sich auf die bevorstehenden Olympischen Spiele vorzubereiten. Er unterschrieb für zwölf Jahre in der Hoffnung auf kommende Olympiaden. Er wurde Sportlehrer in der Armee-Sportschule in Wünsdorf und ließ sich am 1. Januar 1939 nach Stendal zum 1. Fallschirmjäger-Regiment versetzen. Am 10. Mai 1940 sprang er über Holland ab und erlitt einen Lungendurchschuss. In der Nähe von Dordrecht wurde er von einem holländischen Soldaten gefunden. Es handelte sich angeblich um den Eisschnellläufer Siem Heiden, der den schwer Verwundeten erkannte und ihn in Sicherheit brachte.

Schwarzmann wurde wenige Tage später zum Oberleutnant befördert, er hielt beide Eisernen Kreuze und wenig später auch das Ritterkreuz. Nach der Genesung nahm er 1942 wieder als Fallschirmjäger an dem Einsatz auf Kreta teil, dann wurde er an die Ostfront versetzt. 1944 musste er wegen der alten Verletzungen ein Krankenhaus in München aufsuchen. Wenige Tage vor Kriegsende, am 20. April 1945 (hic!) beförderte man ihn zum Major. Im Oktober 1945 wurde er aus der britischen Kriegsgefangenschaft entlassen. Schwarzmann gehörte – wie gesagt – zu der Generation der Deutschen, die überlebten.

Aber es war ein zerstörtes Leben, in das sie zurückkehrten. In diesem Falle war es das Leben eines Mannes, der im anderen Falle wahrscheinlich viermal Olympische Spiele erlebt hätte, und zwar mit berechtigter Hoffnung auf Erfolg.

Was Schwarzmanns internationalen Ruf ausmachte, war auch die Bindung, die er zwischen gleich drei Generationen der Turner herstellte. Bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki, als die Deutschen wieder mitmachen durften an dem Fest der Jugend, erhielt er die Silbermedaille für seine Leistung am Reck – nach einer jahrzehntelangen Wettkampfpause. Der Schweizer Jack Günthard, der die Goldmedaille vor Schwarzmann erhielt, sagte später: „Der Sieg hätte eigentlich Alfred gehört – aber er war eben ein Deutscher!“

Man darf hier nicht vergessen, dass es in Deutschland 1952 noch nicht so sehr viel zu feiern gab – die Menschen hatten wohl auch andere Sorgen. Als es bekannt wurde, dass Alfred Schwarzmann sich ernsthaft auf die Spiele in Helsinki vorbereitet, war das für Medien tagelang ein großes Thema – und als er die Ausscheidungskämpfe sicher für sich entschied, gehörten ihm die Schlagzeilen. Dass er dann sechzehn Jahre nach dem Triumph von Berlin am Reck in Helsinki noch alle Russen hinter sich lassen konnte, vertiefte den weltweiten Respekt vor dem Mann.

Es war dann schließlich weiter nichts als ein zusätzliches Attribut, als er an der Kölner Sporthochschule auch das Examen als Fußball-Lehrer ablegte – vor den strengen Augen des Prüfers Sepp Herberger mit der Note „sehr gut“. Er wurde Sportlehrer in Braunschweig und schloss sich dem dortigen MTV an, der in jenen Jahren zu einem Anlaufpunkt von vielen ehemaligen Sportgrößen wurde. Schwarzmann versuchte die Kriegswunden, die sich immer wieder bemerkbar machten, auszukurieren. Das gelang immerhin so weit, dass er seinem Beruf nachgehen konnte, und genügend Kraft besaß, in verschiedenen Positionen als Funktionär tätig zu sein. Er war Bundeslehrwart des Deutschen Turner-Bundes sowie Kampfrichter und Landeslehrwart in Niedersachsen. Er konnte den Jüngeren auch als Fünfzigjähriger noch etwas zeigen – und das nicht nur an den Turn-Geräten, sondern beispielsweise durch sein hervorragendes Bewegungsgefühl auch beim Stabhochsprung. Eine Jury wählte ihn zum deutschen „Kunstturner des Jahrhunderts“. Dr. Josef Göhler, der dem Turner-Bund ein immer sorgfältiger Chronist war, schrieb einmal: „Schwarzmann war eine stets gefestigte Persönlichkeit – weit davon entfernt, mit seinen sportlichen Erfolgen aufzutrumpfen oder gar Kapital aus ihnen zu schlagen.“ Als Anerkennung für die Verdienste um den Wiederaufbau des Turnens nach dem Kriege übergab man ihm 1965 im sechsten Lebensjahrzehnt die Führung einer deutschen Riege bei einem Länderkampf gegen Ägypten. Nach einer Südamerika-Reise nahm Alfred Schwarzmann Abschied von der Szene, die ihm wahrscheinlich mehr bedeutete, als ein paar Medaillen und Urkunden.

Für viele Menschen, die nicht in Deutschland zu Hause waren, war Schwarzmann wahrscheinlich der typische Deutsche – wagemutig auf der einen Seite, mit militärischer Disziplin auf der anderen. Dazu kam die Ausstrahlung durch den Sport und eine Besessenheit, das Kunstturnen bis hin zum Zirzensischen übersetzt zu haben. Er war auch ein Forschender, der neue Wege ging. Wie neu diese Wege waren und wie lange sie Gültigkeit behielten, stellte sich bei dem Vierzigjährigen Alfred Schwarzmann heraus, der 1952 in Helsinki die Silbermedaille gewann. Die Leistung war wahrscheinlich größer als jene von 1936 – nicht nur körperlich, sondern weil er half, dieses Land wieder aufzubauen. 

Ulrich Kaiser, Mai 2008


Literatur zu Alfred Schwarzmann:

Alfred Schwarzmann, Hrsg. v. Karl. Behrend: Vollendete Turnkunst. Berlin 1937

Friedrich Bohlen: Die XI. Olympischen Spiele Berlin 1936. Köln 1979