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Albert Richter

* 14.10.1912 in Köln

† 02.01.1940 in Lörrach

Radsport

Zeitpunkt der Aufnahme 2008

Richter verweigert den Hitler-Gruß (Foto: picture alliance/Radsportarchiv)
Albert Richter mit seinem Manager Ernst Berliner (Foto: picture alliance/Radsportarchiv)
Nach seinem Sieg bei den Weltmeisterschaften der Amateure im Sprint in Rom (1932) (Foto: picture alliance)
Portrait

Radsport-Weltmeister und Nazi-Opfer 

Als Weltmeister im Bahnsprint der Amateure gehörte Albert Richter in den 1930er Jahren zu den populärsten deutschen Sportlern und galt als „Anti-Nazi“: Er trug das Trikot mit dem Reichsadler, nicht das mit dem Hakenkreuz. Bei der WM 1934 in Leipzig erregte er nicht nur mit seiner Silbermedaille Aufmerksamkeit: Richter war der einzige deutsche Athlet, der bei der Siegerehrung nicht den Hitlergruß zeigte. Auch hielt er treu zu seinem jüdischen Manager. Richters Haltung blieb dem NS-Regime nicht verborgen. Die Gestapo versuchte, ihn zur Mitarbeit zu erpressen. Am 31. Dezember 1939 setzte er sich in den Zug nach Basel.

Er wollte einem in die Schweiz geflüchteten Juden dessen Geld übergeben. Zöllner filzten Richter und fanden das in die Fahrradreifen eingenähte Geld. Richter wurde ins Gerichtsgefängnis Lörrach gebracht. Sein Bruder fand ihn dort zwei Tage später tot vor, blutverschmiert und mit Löchern in den Kleidern. Alles spricht dafür, dass er nach Folterungen von der Gestapo erschossen wurde. In West-Deutschland war Richter lange vergessen. Erst 1989 brachte ein Dokumentarfilm Licht in sein tragisches Schicksal.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Weltmeister im Bahn-Sprint 1932
› WM-Zweiter 1934 und 1935
› Fünfmal WM-Dritter
› Dreimal Sieger im Grand Prix de Paris
› Siebenmaliger Deutscher Meister

Auszeichnungen:
› Namensgeber Radrennbahn Köln (1996)
› Namensgeber für Nachwuchswettbewerb des Bundes Deutscher Radfahrer (ab 1996)
› DDR-Sonderbriefmarke (1965)
› Goldenes Band der Sportpresse (1932)

Biografie

Radsport-Weltmeister und Nazi-Opfer

Dieses ist die Geschichte eines Radrennfahrers, der auch Weltmeister wurde – es ist die Geschichte eines „Köllschen Jung“, der in einer Zeit geboren wurde, in der es strafbar war, wenn man es ablehnte, das Hakenkreuz am Trikot zu tragen. Der Radrennfahrer hieß Albert Richter und am Silvestertag 1939 trug er nur leichtes Gepäck mit sich und auch sein Fahrrad – es war die normale Ausrüstung für die Reise mit dem Zug zu einem Rennen, das in der Schweiz stattfinden sollte. In Weil am Rhein wurden Reisende vor dem Grenzübertritt kontrolliert. Zwei holländische Rennfahrer, die zufällig im gleichen Wagen saßen, beobachteten wie Albert Richter streng durchsucht wurde. Die Kontrolleure fanden im Schlauch des Fahrrads viel Geld – später hieß es, es seien 12.700 Reichsmark gewesen, die Richter für einen Kollegen in die Schweiz mitnehmen sollte. Am Abend dieses 31. Dezember 1939 wurde Richter in das Gerichtsgefängnis in Lörrach eingeliefert. Am 2. Januar 1940 reiste sein Bruder hinterher, um Albert im Gefängnis mit dem Nötigsten zu versorgen. Er fand Albert Richter im Totenkeller des Krankenhauses – die Kleidung voller Blut und Löchern, die offensichtlich von Einschüssen stammten. Man teilte dem Bruder mit, dass Albert sich erhängt habe.

Albert Richter war schon längere Zeit beobachtet worden. Er mochte seinen jüdischen Manager Ernst Berliner nicht im Stich lassen, der sich den Nazis durch die Flucht in die Niederlande entzogen hatte. Es gab immer wieder Verdächtigungen wegen Devisenschmuggel bei den Radfahrern. Richter ließ auch verlauten, dass er nicht die Absicht habe, im Krieg auf seine Freunde zu schießen, gegen die er vor kurzer Zeit noch Rennen bestritt. Er lehnte den Nazi-Gruß ab und auf der Brust trug er nicht das vorgeschriebene Hakenkreuz, sondern den Reichsadler. Auch das Geld, das man in den Reifen seines Rades fand, hatte er für einen jüdischen Freund transportieren wollen. Lediglich seinen großen Erfolgen im Sport hatte Richter es zu verdanken, dass man ihn lange Zeit gewähren ließ.

Es gab drei Söhne im Hause der Richters in Ehrenfeld. Der Vater, ein Gipsmodelleur, legte großen Wert darauf, dass die Jungen einen handwerklichen Beruf erlernten. Seltsamerweise war ihm genauso wichtig, dass sie ein Instrument spielen lernten. Für Albert hatte er die Violine vorgesehen, aber der fand daran kaum viel Spaß. Er suchte sich Freunde auf der Radrennbahn, wo die seinerzeit vor allem in Köln populären Flieger- oder Sprintrennen stattfanden. Er trainierte heimlich und startete bereits als Sechzehnjähriger. Erst als er eines Tages mit einem Schlüsselbeinbruch nach Hause kam, konnte er seine Leidenschaft nicht länger verbergen. Der Vater war davon nicht begeistert und ließ sich erst überzeugen, als Albert als der beste Bahnfahrer im ganzen Rheinland anerkannt wurde.

Albert Richter war gerade zwanzig Jahre alt, als er den Klassiker „Grand Prix de Paris“ für sich entschied. Er galt als Favorit für die Olympischen Spiele 1932 in Los Angeles, aber dem Verband fehlte das Geld für die Reise in die USA. Richter geriet mit den Ämtern in Schwierigkeiten – er war arbeitslos und konnte das Stempelgeld nicht abholen, weil er irgendwo ein Rennen bestritt. Für die entgangene Olympiamedaille revanchierte er sich aber bei der Weltmeisterschaft: Es galt als Sensation, als Richter die Sprint-Weltmeisterschaft gewann. Die Kölner feierten ihn bei der Heimkehr, Tausende säumten die Straßen. Albert Richter beschloss, Profi zu werden – er war dann nicht mehr arbeitslos und konnte seine Familie unterstützen.

In Deutschland wurde das Geld knapper, Sechstagerennen waren verboten – die Betätigungsfelder für die Rad-Sprinter wurden innerhalb kurzer Zeit immer weniger. Manager, Freund und Berater Ernst Berliner riet dem jungen Kölner zum Umzug nach Paris, wo die besten Fahrer zu Hause waren und oft gegeneinander antraten. Zu Beginn war das gar nicht so einfach für einen aus Köln, der zunächst die französische Sprache nicht beherrschte. Aber berühmte Konkurrenten wie der Belgier Jeff Scherens und der Franzose Louis Gérardins nahmen den begabten Richter gerne in ihre Truppe auf, weil er mit seinem unglaublichen Antritt ein eleganter Fahrer war, dem das Volk auf den Tribünen zujubelte.

Er holte sich höchste Anerkennung als er auch als Professional den „Grand Prix de Paris“ gleich zweimal für sich entschied – ein Rennen, das ähnlich hoch eingeschätzt wurde wie eine Weltmeisterschaft. Zweimal wurde er bei der Weltmeisterschaft nur von seinem belgischen Freund Jeff Scherens besiegt, insgesamt fünfmal wurde er Dritter der Weltmeisterschaft. Die Truppe der Sprinter, die von Land zu Land zu den Rennen reiste, galt als ein fröhliches Dutzend, das sich während des Rennens erbittert bekämpfte, was aber nichts an der Freundschaft änderte. Albert Richter spielte dabei noch eine besondere Rolle, denn oft hatte er auch seine Geige im Gepäck, die er einst von seinem Vater eher aufgezwungen erhielt. Am 1. September 1939 gewann Richter bei der Weltmeisterschaft in Mailand die Bronzemedaille. Dann kam die Nachricht von Einmarsch der Deutschen in Polen. Die Weltmeisterschaft wurde abgebrochen.

Albert Richter bestritt am 9. Dezember 1939 in Berlin sein letztes Rennen, den „Großen Preis von Berlin“. Er gewann. Unter seinen Kollegen und Freunden sprach man offen darüber, dass man viele Sportler einziehen wollte, um sie als Vorbild für die Jugend hinzustellen. Der Reichssportführer von Tschammer-Osten wollte aus dem gleichgeschalteten Sport eine Elitetruppe bilden. Bei all’ dem konnte es Albert Richter nicht entgangen sein, dass er von der Gestapo beobachtet wurde. Richter besaß genügend Zivil-Courage für eine offene Rede – er wollte wahrscheinlich nicht vorsichtig sein. Es heißt, man hatte sogar seine Eltern aufgefordert, sie sollten ihn überreden, Leute aus dem Radsport zu bespitzeln. Albert Richter lehnte derartiges ab – und er sprach laut davon.

Er reiste aus Berlin zurück nach Köln, wo er mit seinen Familienangehörigen das Weihnachtsfest verbrachte. Er traf heimlich auch seinen Manager Ernst Berliner und weihte ihn in den Plan ein, sich bei nächster Gelegenheit in die Schweiz abzusetzen. Berliner warnte ihn. Die Kontrollen zu den Grenzen waren verschärft worden, aber Albert Richter verließ auf sein Glück. Außerdem hatte es solche kleineren Transaktionen in der Vergangenheit ohne großes Risiko gegeben. Die Umstände um die Festnahme von Richter im Zug in die Schweiz wurden nie aufgeklärt. Die beiden holländischen Fahrer, die zufällig mit Albert Richter reisten, sprachen von einem Verrat, weil man sie und ihre Fahrräder nicht untersuchte, sondern sich nur auf den Deutschen konzentrierte. Zuerst hieß es, er habe einen Ski-Unfall erlitten und an sei den Folgen gestorben. Dann wurde erklärt, er sei auf der Flucht erschossen worden. Schließlich blieb man bei der nicht glaubwürdigen Selbstmord-Theorie.

In Köln-Müngersdorf hat man 1996 eine Radrennbahn nach Albert Richter benannt. In der DDR wurde 1962 eine Briefmarke mit dem Bild Albert Richters herausgegeben. Er wurde auf dem Alten Ehrenfelder Friedhof – dem späteren Melaten-Friedhof – beigesetzt. Sein Freund und Manager Ernst Berliner, der viele Angehörige im Konzentrationslager verlor, hat versucht herauszufinden, was in jener Silvesternacht geschah. Es gab staatsanwaltliche Untersuchungen, die man 1967 ohne Ergebnisse einstellte. 

Ulrich Kaiser, Mai 2008


Literatur zu Albert Richter:

Renate Franz: Der vergessene Weltmeister. Das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter. Bielefeld 2007