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Alexander Pusch

* 15. Mai 1955 in Tauberbischofsheim

Fechten

Zeitpunkt der Aufnahme 2016

Bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976 gewinnt Alexander Pusch eine Gold- und eine Silbermedaille (Foto: picture alliance)
Alexander Pusch wird nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal auf den Schultern seiner Betreuer getragen (Foto: picture alliance)
Doppelt erfolgreich in Seoul 1988: Pusch holt Silber mit der Degen-Mannschaft; Anja Fichtel, die er entdeckte und trainierte, wird Olympiasiegerin im Florett (Foto: picture alliance)
Nach der aktiven Karriere gibt Pusch sein Wissen als Bundestrainer an die Athleten weiter (Foto: picture alliance)
Alexander Pusch 2014 (Foto: picture alliance)
Bei der Gala "Sportler des Jahres" 2015 im Kurhaus Baden Baden (Foto: picture alliance)
Alexander Pusch mit seiner Frau Ute am Tag seiner Aufnahme in die "Hall of Fame des deutschen Sports" (Foto: pictrue alliance für Deutsche Sporthilfe)
Portrait

Fechter des Jahrhunderts

Im Einzel wie mit der Mannschaft Olympiasieger und zweifacher Weltmeister: Grandiose Erfolge machten Alexander Pusch zu einem der weltbesten Degenfechter und später zu Deutschlands „Fechter des Jahrhunderts“.

Pusch war im Juli 1975 in Budapest mit 20 Jahren der erste Degen-Einzelweltmeister aus Deutschland und der jüngste Titelträger bei den Degenfechtern. Ein Jahr später stand er bei den OIympischen Spielen in Montreal ganz oben auf dem Siegerpodest, bezwang im Finale seinen Tauberbischofsheimer Klubkameraden Jürgen Hehn. Pusch ist damit der erste deutsche Mann, dem im Fechten ein Einzel-Olympiasieg gelang. Mit der Mannschaft erkämpfte er in Montreal wie bei den Weltmeisterschaften 1974 und 1975 Silber. Im Olympiajahr entschied Pusch erstmals auch den Gesamtweltcup der Degenfechter für sich.

Seinen zweiten WM-Titel im Einzel errang er 1978 bei der Heim-WM in Hamburg. 1980 war auch Pusch Leidtragender des Olympiabokyotts. Der zweimalige Gewinn der Weltcup-Gesamtwertung 1980 und 1981 war Trostpflaster. Der nächste Titel folgte 1983, als Einzel-Europameister in Lissabon. 1984 stand wieder Olympia an. In Los Angeles landete er im Einzel auf Platz sieben, gewann aber mit der Mannschaft Gold. Ein Erfolg, den Pusch und Kollegen bei den Weltmeisterschaften 1985 in Barcelona und 1986 in Sofia wiederholten. 1988 nahm Pusch zum dritten Mal an Olympischen Spielen teil und stand als Silbermedaillengewinner mit der Mannschaft erneut auf dem Siegerpodest. Erfreulich war für ihn in Seoul zudem ein anderer Erfolg: Das von ihm entdeckte und trainierte Floretttalent Anja Fichtel, seit 2015 ebenfalls Mitglied in der „Hall of Fame des deutschen Sports“, gewann Gold im Einzel und mit der Mannschaft.

1989 trat Pusch mit 34 Jahren zurück und kümmerte sich fortan als Trainer um den Nachwuchs im Bundesleistungszentrum in Tauberbischofsheim. Von 1994 bis nach Olympia 2000 in Sydney war er Bundestrainer der Degenfechter. In dieser Zeit gewann das deutsche Team 1995 den WM-Titel, zweimal WM-Silber und Arnd Schmitt 1999 die Weltmeisterschaft.

Erfolge

Größte Erfolge:
› Zweimal Olympiasieger: 1976 (Einzel) und 1984 (Team)
› Zweimal Olympia-Silber: 1976 (Team) und 1988 (Team)
› Zweimal Weltmeister Einzel: 1975 und 1978
› Zweimal Weltmeister Team: 1985 und 1986
› Fünfmal WM-Silber Mannschaft: 1974, 1975, 1979, 1983, 1987
› Europameister Einzel 1983
› Viermal Sieger im Gesamtweltcup: 1976, 1980, 1981, 1986
› Trainer von Anja Fichtel bei ihrem Olympiasieg 1988
› Bundestrainer des Herren-Degen-Weltmeisterteams 1994

Auszeichnungen:
› Wahl zu Deutschlands Fechter des Jahrhunderts (2001)
› Silbernes Lorbeerblatt

Biografie

Fechter des Jahrhunderts

Die große Karriere von Alexander Pusch begann mit einer Enttäuschung. Als die deutschen Degenherren 1973 in Göteborg Weltmeister wurden, saß er tatenlos in Tauberbischofsheim. Bundestrainer Emil Beck entschied, den erfahreneren Reinhold Behr mitzunehmen. Dabei war Pusch als 17-Jähriger in dem Jahr erstmals Deutscher Meister geworden und in der nationalen Rangliste Dritter. „Die Entscheidung von Beck habe ich nicht verstanden“, sagt Pusch. Es sollte nicht das letzte Mal sein.

Denn Alex Pusch war nicht nur ein genialer Fechter, sondern auch ein eigenwilliger Athlet, der seinen Trainer zur Weißglut treiben konnte, wenn er lustlos noch greifbare Siege vergab. Zureden half dabei nicht, fordern schon gar nicht. Fechtvater Beck versuchte ihn mit allen psychologischen Kniffen und Tricks zu motivieren, was nicht immer gelang, konnte Pusch jedoch in entscheidenden Momenten über Klippen hinweg helfen. Das Erfolgsduo Beck/Pusch führte eine symbiotische Beziehung, von der jeder profitierte, unter der jeder auch litt. Der ausgeprägte Autoritätsanspruch des Meisters prallte auf die Unabhängigkeitsbestrebungen des Schülers.

Vielleicht ist diese Hassliebe zwischen dem Degen-Könner und dem legendären Goldschmied von der Tauber auch das Geheimnis, warum Pusch zu einem der erfolgreichsten Fechter der Welt avancieren konnte – und in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports aufgenommen wurde.  „Ohne die Reibung mit ihm und seinem Engagement wäre meine Karriere so nicht möglich gewesen“, weiß Pusch.

„Fechter des Jahrhunderts“

Zusammen mit Bruder Matthias brachte ihn seine Mutter zum TSV Tauberbischofsheim 1863 und meldete die Beiden 1965 in der Fechtabteilung an. Fünf Jahre zuvor war der Vater der Kinder gestorben. Emil Beck wird sein Ersatzvater und der Alex sein Lieblingsschüler - und sein erfolgreichster. 

Nachdem Pusch 1973 nicht zur WM mitgenommen wurde, war er ein Jahr später nicht mehr aufzuhalten – auch von Beck nicht, der ihn ins Nationalteam berief, das WM-Silber gewann. Was danach folgte, ist eine einmalige und lange Erfolgsgeschichte, an deren Ende er 2001 den Ehrentitel „Fechter des Jahrhunderts“ bekam.
 
1975 wurde der schlaksige Pusch, der wie sein Vorbild Muhammad Ali leichtfüßig auf der Planche tänzelte dadurch den Attacken seiner Gegner geschmeidig ausweichen konnte, Weltmeister und zum jüngsten Degen-Champion der Geschichte. In Budapest bezwang er im Finale den sowjetischen Favoriten Boris Loukonsmi. 

Neue Maßstäbe setzte er auch ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in Montreal. In einem fast vierstündigen Final-Marathon gewann Pusch als erster deutscher Fechter Olympia-Gold – bei den Frauen war das zuvor nur Helene Mayer (1928) und Heidi Schmid (1960) gelungen. Im Endkampf bezwang er seinen Clubkameraden Jürgen Hehn und den Ungarn Gyözö Kulcsar nach Stichkämpfen. Zudem holt er mit der Mannschaft noch Silber. „Das war das größte Highlight in meinem Leben“, meint Pusch.

Das Skandal-Finale von Hamburg

Als er mit den anderen erfolgreichen Fechter des FC Tauberbischofsheim aus Kanada in die Heimatstadt zurückkehrte, drängten sich rund 35 000 Menschen in den Gassen und auf dem Marktplatz der fränkischen Stadt - in der damals nur 12 000 Einwohner lebten - um die Medaillengewinner zu feiern. Darunter auch Thomas Bach, der mit der Florett-Mannschaft ebenfalls Gold holte und zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees aufstieg.

Nach Montreal sollten noch viele Höhepunkte in seinem Fechter-Leben folgen wie der zweite WM-Gewinn 1978 in Hamburg, der ihm nicht nur ewigen Ruhm, sondern auch viel Ärger einbrachte. Der Vorwurf des Betrugs machte die Runde. Was war geschehen in jener Nacht vom 19. auf den 20. Juli?

Im entscheidenden Gefecht zwischen dem Franzosen Philippe Riboud und dem Polen Piotr Jablkowski stand es 5:5, der Gewinner des Duells wäre Weltmeister gewesen. Nur eine Doppelniederlage hätte Pusch die Chance auf einen Stichkampf eröffnet. Die Zeit schien abgelaufen, da setzte Riboud einen Treffer, den der Obmann aber nicht anerkannte. Alle hatten die Sirene überhört, die das Ende der regulären Kampfzeit signalisiert hatte, was der zornige Franzose natürlich nicht wahrhaben wollte.

Am Ende dieses Skandal-Finals  wurde der Deutsche Weltmeister, Riboud musste mit WM-Silber vorlieb nehmen. „Der Gewinn des Titels von Hamburg war der schwerste“, sagt Pusch. Der Sieg in der Hansestadt hatte auch noch ein Nachspiel: Frankreich stellte auf dem nach der WM folgenden Kongress des Weltverbandes FIE den Antrag auf Aberkennung des Titels, der aber nach hitziger Debatte abgelehnt wurde. „Alexander Pusch blieb Weltmeister und die Gerechtigkeit blieb international“, kommentierte der damalige deutsche Fechter-Präsident Klaus-Dieter Güse das Urteil.

Es fehlte der letzte Biss

Als Solist konnte Pusch in den weiteren zehn Jahren bis zu seinem Karriereende 1988 keine Medaille bei WM und Olympia mehr holen. Allerdings gelang ihm noch ein in der Welt der Degenfechter sehr prestigeträchtiger Erfolg: Der Sieg beim Heidenheimer Pokals 1984, dem damals bedeutendsten Turnier („Wimbledon des Fechtens“) in dieser Waffendisziplin. „Jetzt ist Alexander der Fecht-Kaiser“, adelte ihn Josef Szepeschi, der 1973 zum siegreichen deutschen WM-Team in Göteborg gehörte. 

Pusch blieb zwar auch danach der Mann, der alle schlagen kann, der beste Techniker der Welt und elegante Ästhet. Indes fehlte ihm nach dem steilen Aufstieg und den großen Erfolgen der letzte Biss, noch einmal ganz allein auf der höchsten Treppe eines Siegerpodestes zu gelangen. „Wenn man zehn Jahre die Nummer eins in Deutschland ist, lässt einfach die Motivation nach“, erkannte er selbst.

Ohnehin traute man dem spindeldürren Athleten, mehr Skelett als Muskeln, nicht viel zu, wenn er auf die Fechtbahn kam und einen Zwei-Meter-Koloss wie Riboud vor sich hatte. Doch auf der Planche entpuppte sich Pusch als Riese und listenreicher Taktik-Fuchs.

Hochnervös, sensibel, blitzschnell, sehr konzentriert, hellwach im Erkennen seiner Chancen und vollkommen kompromisslos. Er gab nie einen halben Meter Kampfbahn auf, pochte auf sein Recht; auch gegen den Protest des Gegners und des Obmanns – selbst wenn er schon 4:0 führte, selbst wenn er Unrecht hatte. Er setzte in jeder Situation Treffer, umso kniffliger desto lieber.

Besonders konnte er sich freuen, wenn ihm ein „Bingo“ gelang und die Klingenspitze nach einer peitschenartigen Bewegung direkt hinter dem Handschutz des Degens die Faust des Gegners traf. Pusch war ein Zocker, der viel riskierte und viel gewann – so lange er Lust hatte. „Ich drängte meine Gegner mit kontrollierter Offensive oft bis ans Ende der Bahn, zwang sie somit zum Handeln und fand dann meine Konterchance“, beschreibt Pusch seinen Stil. Seine Kameraden nannten ihn „Geier“, weil er blitzschnell zustoßen konnte.

Wenn ihm auch Einzel der große Treffer nicht mehr gelingen wollte, blieb Pusch der Eckpfeiler der Nationalmannschaft: 1984 wurde er mit dem Degen-Team Olympiasieger, 1985 und 1986 Weltmeister sowie zwischen 1974 und 1987 fünfmal WM-Zweiter. 

„Ich bin stolz auf die ganzen Titel“, resümiert Pusch. „Das Fechten war mein Leben, es hat mich geprägt und ich hänge immer noch daran.“ Deshalb hat er den Fechtclub Ravenstein gegründet und gibt dem Nachwuchs Degen-Lektionen.

Der Beckenbauer des Fechtens

Nach Ende seiner aktiven Laufbahn wurde der gelernte Bauzeichner 1994 Herrendegen-Bundestrainer. „Alex ist der beste Mann, den man sich auf en Posten vorstellen kann“, sagte Beck bei der Berufung seines Musterschülers – bis es zum Eklat kam. Doch zunächst lief es nach Wunsch. 1995 gewann Pusch, der das Trainer-Diplom gemacht hatte, mit dem Degen-Team in Den Haag den WM-Titel und wurde damit zum „Beckenbauer des Fechtens“. Wie der Fußball-Kaiser Franz und Heiner Brand im Handball hatte er es geschafft, sowohl als Sportler als auch Trainer Weltmeister zu werden. 

Die Herrlichkeit hatte aber schnell ein Ende. Als er von den Olympischen Spielen 1996 mit seinem Team ebenso wie 1998 bei der WM medaillenlos geblieben war, kam es zum Streit und Bruch zwischen ihm und den für alle Waffen zuständigen Cheftrainer Beck, in deren Folge Pusch sein Bundestraineramt 2000 aufgeben musste. „Heute frage ich mich, ob ich nicht zu früh ins kalte Wasser geworfen wurde“, meint Pusch. „Heute wäre so etwas undenkbar.“

Den größten Erfolg als Fechtmeister feierte er aber mit Anja Fichtel, die er 1976 entdeckte und seitdem trainierte, und die 1988 in Seoul Olympiasieger im Damenflorett wurde. So sehr Pusch sich über diesen Triumph gefreut hat, so sehr bedauerte er, bei diesen für ihn letzten Olympischen Spielen nicht selbst noch in die Nähe der Goldmedaille gekommen zu sein. „Ich hatte mich verletzt und konnte die acht Wochen vor Olympia nur drei Tage trainieren“, erzählt Pusch. „Wenn ich voll im Training gewesen wäre, hätte ich vielleicht noch mal zuschlagen können.“

Nach dem großen Krach mit Beck zog er sich aus der Tauberbischofsheimer Fechtszene zurück, gründete mit Erfolg eine Firma für Sport- und Eventmarketing und machte sein Geld unter anderen mit VIP-Bändchen im Fußball, Handball oder in der Formel 1.

Ein Einschnitt in seinem Leben markierte vor Jahren die Diagnose, dass er Krebs hat. „Ich bin voll geheilt, aber es war die Gelegenheit, mal in sich zu gehen und mal einen Schritt zurück zu machen“, so Pusch.

In seiner Freizeit spielt er nicht nur des Halb viel Golf, sondern oft auch für einen guten Zweck. Er ist Mitglied des Clubs „Eagles Charity“, dem auch Franz Beckenbauer und viele andere Prominente angehören. Wie im Fechten zeigte sich Puschs außergewöhnliche Sportbegabung auch im Golf, belegt durch ein einstelliges Handicap. „Vielleicht komme ich auch noch als Golfer in die ‚Hall of Fame’“, sagt er scherzhaft und fügte stolz hinzu: „Die Aufnahme in ‚Hall of Fame’ ist eine große Ehre. Da kommt nicht jeder rein.“

Andreas Schirmer, Juli 2016