Lothar Matthäus: "Für die Titelverteidigung waren wir zu blöd"

Frankfurt am Main, 13. Juni 2018 - Lothar Matthäus ist Deutschlands einziger Weltfußballer und seit 2017 Mitglied in der "Hall of Fame des deutschen Sports". Kurz vor der Fußball-WM in Russland spricht er über den Druck im Fußballgeschäft und die Schwierigkeit, den WM-Pokal zu verteidigen.

Herr Matthäus, kürzlich standen Sie mit 57 Jahren noch einmal in der Bezirksliga für Ihren Heimatclub, den 1. FC Herzogenaurach, auf dem Rasen. Ganz ehrlich: Wie schlimm war der Muskelkater danach?

Lothar Matthäus: Ach, Muskelkater habe ich eigentlich nie. Ich bin noch sehr fit, mache fünfmal die Woche Krafttraining, bewege mich auch sonst sehr viel und spiele regelmäßig in diversen Teams Fußball. Gespürt habe ich also nichts.

Dabei liegt Ihr eigentliches Karriereende nun schon 17 Jahre zurück. Sie haben sich danach für eine Trainerlaufbahn entschieden. Wieso?

L.M.: Der Fußball hat mir in meinem Leben einfach unglaublich viel gegeben, da wollte ich zurückgeben, was ich konnte. Es erschien mir von Anfang an immer die logischste Entscheidung zu sein, meine Erfahrungen in der Position als Trainer weiterzuvermitteln.

Nun sind Sie aber schon sieben Jahren ohne Coaching-Job. Haben Sie keine Lust mehr auf den Trainerzirkus?

L.M.: Ich bin einfach sehr zufrieden mit dem, was ich gerade mache. Ich arbeite als Experte beim Pay-TV-Sender Sky, stehe an der Spitze des „Clubs der Nationalspieler“ und bin Botschafter für diverse Projekte und Stiftungen. Das reicht mir vollkommen aus, ich bin so schon sehr viel unterwegs. Den Stress im Fußballalltag brauche ich nicht mehr.

Auch, weil der Druck im Fußballgeschäft im Vergleich zu früher zugenommen hat?

L.M.: Natürlich stehen die Spieler und Akteure heute mehr im Mittelpunkt als früher. Das Medien- und Gesamtinteresse am Fußball ist größer geworden. Aber es wird mir immer zu viel von Druck gesprochen. Dazu tragen viele ja auch selbst bei. Ich zum Beispiel habe nie großen Druck gespürt. Erwartungen, ja, die gab es und natürlich wurde ich auch für Fehler verantwortlich gemacht. Das ist eben so, wenn man als Führungsspieler vorangeht. Ich konnte damit immer gut umgehen.

Können Sie trotzdem verstehen, wenn Akteure heute öffentlich den Druck beklagen? Zuletzt sprach Per Mertesacker, immerhin 104-maliger Nationalspieler, im „Spiegel“ darüber.

L.M.: Das verstehe ich schon. Und sicher ist das öffentliche Interesse durch die neuen Medien ein ganz anderes geworden. Aber als Spieler brauche ich auch ein Ventil, Freunde, Familie, mit denen ich über meine Probleme reden kann, ein Hobby vielleicht. Man muss auch mal loslassen können. Wie gesagt: Ich habe den Druck nicht so gespürt wie andere. Mir hat Fußball zu viel Spaß gemacht, als dass ich ihn als etwas Schädliches empfunden hätte.

Mit dieser Einstellung waren Sie außerordentlich erfolgreich. Seit vergangenem Jahr sind Sie etwa Mitglied der „Hall of Fame des deutschen Sports“. Eine besondere Ehre für Sie?

L.M.: Ich bin auf jeden Fall sehr stolz darauf. Die Aufnahme in die „Hall of Fame“ bedeutet, dass meine Leistungen anerkannt worden sind. Aber ich kann das schon richtig einschätzen und hätte auch nicht gemeckert, wenn ich nicht Teil dieses erlesenen Kreises geworden wäre. Vielleicht hatte ich das ein oder andere Mal mehr Glück. Andere, auch von der Weltmeistermannschaft von 1990, haben sicher ähnlich gute Leistungen erbracht und hätten es verdient, eines Tages in diesen Kreis aufgenommen zu werden. Im Mannschaftssport ist der Einzelne nichts wert ohne seine Mitspieler und seinen Trainer.

Sie repräsentieren innerhalb der „Hall of Fame“ den WM-Stern von 1990, auch die Titel aus den Jahren 1954, 1974 und 2014 haben dort ihre Vertreter. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass beim Turnier in Russland ein fünfter Stern hinzukommt?

L.M.: Deutschland ist nicht der Top-Favorit auf den Titel, aber sicher einer von vier, fünf heißen Kandidaten. Ich glaube aber auch, dass diese WM wieder von einigen Überraschungen leben wird. Der Fußball ist heute wesentlich ausgeglichener als früher, die kleineren Länder haben stark aufgeholt. Und die werden dem ein oder anderen vermeintlichen Favoriten ein Bein stellen, wie Eintracht Frankfurt dem FC Bayern im DFB-Pokal.

Haben Sie da ein Team besonders im Auge?

L.M.: Ich rede jetzt nicht davon, dass Panama gegen Serbien gewinnt, das kann immer mal passieren. Aber ich glaube schon, dass einige Länder zu Überraschungen in der Lage sind. Die afrikanischen Teams schätze ich diesmal stärker ein, auch die Südamerikaner wie Uruguay oder Kolumbien. Gegen solche Mannschaften kann es auch für Deutschland im Achtel- oder Viertelfinale zu einem bösen Erwachen kommen, so wie bei uns 1994.

Damals schied die deutsche Nationalelf als Titelverteidiger und klarer Favorit im Viertelfinale gegen Bulgarien aus. Wieso hat es eigentlich seit Brasilien vor sage und schreibe 56 Jahren keine Nation mehr geschafft, ihren WM-Titel zu wiederholen?

L.M.: Das ist so lange nicht mehr passiert, weil wir Deutschen einfach zu blöd waren, 1994 den Titel zu verteidigen – denn einfacher war es nie. Wir hatten einzigartige Spieler, aber keine gute Mannschaft. Wir standen uns selbst im Weg, auch der Trainer hat nicht die richtige Ansprache gefunden. Unser Potenzial konnten wir deshalb zu keiner Zeit abrufen.

Ein Einzelfall oder gibt es doch so etwas wie einen „Titelverteidiger-Fluch“?

L.M.: Deutschland hat sich als Titelverteidiger schon früher nicht mit Ruhm bekleckert – 1978 flog die Nationalmannschaft in der Schmach von Córdoba gegen Österreich raus, also ähnlich wie 1994. Die Truppe war damals vielleicht nicht mehr hungrig genug. Das passiert heute aber nicht so einfach, deswegen sehe ich unsere Nationalelf auch im engeren Favoritenkreis.

Nun also die WM in Russland, eine durchaus kontroverse Vergabe, über die schon viele Diskussionen geführt wurden. Kann man Sport und Politik heute überhaupt noch trennen?

L.M.: Nein, das gehört inzwischen einfach zusammen. Egal, welches Land eine EM oder WM ausrichten darf, im Hintergrund passieren Dinge, die wir eigentlich gar nicht wissen wollen. Beispielsweise, ob für die WM 2006 6,7 Millionen Euro geflossen sind, wieso, wofür und ob sie wieder zurückgeflossen sind. Ich will nichts schönreden und auch nichts verheimlichen. Aber der Einfluss der Politik auf den Fußball ist sicherlich da – wenn zum Beispiel die USA, Kanada und Mexiko mit ihrer Bewerbung um die WM 2026 gemeinsam gegen Marokko antreten. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Stimme des DFB ohne Segen aus Berlin vergeben wird. Und auch bei der EM-Vergabe gab es ja ein Gentlemen’s Agreement zwischen England und Deutschland.

England bekommt bei der EM 2020, die in mehreren Ländern stattfindet, beide Halbfinals und das Finale. Deutschland verzichtete darauf und darf stattdessen auf die Unterstützung der Briten für die DFB-Bewerbung 2024 bauen.

L.M.: Genau, so werden Turniere hin- und hergeschoben. Bei der WM-Vergabe würde viel für ein Rotationsprinzip zwischen den Kontinenten sprechen. Letztlich sage ich ganz offen: Russland hat die Weltmeisterschaft verdient. Das Land ist vorbereitet: Tolle Stadien, eine gute Infrastruktur, freundliche, nette Menschen. Das einzige, das mich stört, ist das Thema Doping. Dass die Politik Einfluss auf den Fußball hat, ob es nun der russische Präsident ist oder der König von Marokko – daran habe ich mich gewöhnt. 2010 vor Südafrika wurde genauso über das Gastgeberland diskutiert, auch 2014 vor Brasilien.

Bei der Bewerbung zur EM 2024 konkurriert der DFB mit der Türkei. Deren Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan posierte kürzlich in London mit den deutschen Nationalspielern Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Hat das auch eine sportpolitische Dimension?

L.M.: Die beiden haben einen Fehler gemacht – einen, der auf dieser Ebene nicht passieren darf, vor allem, wenn man Berater hat. Dass sie ein Bild mit dem Präsidenten des Landes ihrer Eltern gemacht haben, finde ich nicht verwerflich. Was ich nicht in Ordnung fand, ist Gündogans Trikotwidmung „an seinen Präsidenten“. Das verurteile ich. Es ist nicht sein Präsident – wenn er für Deutschland spielt, hat er eine Bundeskanzlerin und einen Bundespräsidenten. Aber ich glaube, jetzt sollte man die Sache Ruhe lassen, denn ich gehe davon aus, dass die Angelegenheit intern intensiv angesprochen und auch geklärt wurde.

Man merkt: Der Fußball dominiert noch immer Ihr Leben. Verfolgen Sie darüber hinaus auch andere Sportarten?

L.M.: Absolut, ich verfolge das internationale Sportgeschehen generell sehr intensiv. Skilaufen, Biathlon und Eishockey im Winter, teilweise auch Eisschnelllauf. Im Sommer interessiere ich mich vor allem für Ball- und Mannschaftsportarten wie Handball, Volleyball, Basketball, auch Tennis steht bei mir hoch im Kurs – das sind Sportarten, die ich mir nicht nur im Fernsehen, sondern ab und zu sogar live anschaue.

 

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Quelle: Deutsche Sporthilfe

 

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